Spiel ohne Netz

Keiner wagte so viel wie Lucas Niggli und hatte damit solch einen Erfolg. Als Patrik Landolt ihn im vergangenen Herbst anfragte, mit welcher seiner Gruppen er im “Stone” auftreten möchte, entschied sich Niggli für die radikalste Lösung: Am liebsten wären ihm überraschende Begegnungen mit Musikern, mit denen er noch nie zuvor – oder zumindest noch nie in dieser Konstellation – zusammen gespielt habe. Die beiden Auftritt mit dem Soundtüftler Fred Frith und mit dem Saxophonisten Tim Berne und der Pianistin Angelica Sanchez gehörten denn auch zu den Highlights der ersten Festivalwoche. “Mit Fred Frith habe ich erst einmal mit einer grösseren Formation (als “Gast” auf der CD “The Big Picture” mit dem Arte Quartett) zusammengespielt; Time Bern, den ich seit langen hoch verehre, hat, ohne mich persönlich zu kennen, wunderbare Linernotes für meine CD ‘Crash Cruise’ geschrieben. Und die Pianistin Angelica Sanchez, die mir völlig unbekannt war und die Berne mit ins Spiel gebracht, war ohnehin eine sensationelle Entdeckung für mich.”

Ein drittes Set mit dem rockig- speedigen Gitarristen Elliott Sharp und dem Bassisten Melvin Gibbs litt etwas darunter, dass nach wenigen Minuten der Bassverstärker von Gibbs ausstieg und die drei Musiker nach einem langen, hektischen Unterbruch es nicht ganz leicht hatten, wieder so richtig in Fahrt zu kommen. Am folgenden Tag aber nahmen die drei im “Trout”-Studio in Brooklyn eine CD auf. “Da ging dann die Post ab wie verückt, innerhalb von drei Stunden hatten wir die ganzen Aufnahmen eingespielt.”

“Für mich waren diese Tage in New York ein unglaublich intensives Erlebnis”, meine Niggli vor seinem Rückflug nach Zürich, “in welche anderen Stadt kann man so etwas haben: Am Vormittag ein hervorragendes Konzert mit Bach-Kantaten in der Trinity Church und nach Mitternacht noch zwei grandiose Sets von Butch Morris mit seinem Nublu-Orchestra, alles unbekannte, hochtalentierte junge Musiker. Und drei Auftritte innerhalb von drei Tagen mit fünf grossartigen Musikerinnen und Musikern vor einem sehr aufmerksamen, konzentrierten Publikum. Das könnte man hier während Wochen so haben, die Musikszene, die Museen, die vielen unkomplizierten Begegnungen mit aussergewöhnlichen Musikern, die einen ohne Umstände herzlich empfangen. Unglaublich. Und ein Riesengeschenk auch von Patrik und seinem Intakt-Label, denn: Dank der intensiven Vernetzung von Intakt mit der New Yorker-Szene öffnen sich sofort viele Türen. Die meisten dieser Musiker kennen meine Arbeit aufgrund der vielen CDs, die ich bei Intakt veröffentlicht habe, sehr genau und sind interessiert daran, einen zu treffen und kennenzulernen. Aber: Längere Zeit hier leben könnte ich nicht; die Intensität ist so überwältigend, dass ich wohl kaum mehr zum Arbeiten käme. Ich würde mich auf die Dauer auflösen wie eine Brausetablette. Ich brauche auch Ruhe, um mich konzentrieren zu können.”

Christian Rentsch

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