Kreative Effizienz oder effiziente Kreativität? Recording Session mit Elliot und Melvin

Am Tag nach unserem ersten Konzert sind wir am Samstag morgen um halb elf in einem Aufnahme Studio in Brooklyn für eine Session verabredet. Ich war schon sehr neugierig, wie eine solche Recording Session abläuft – mit a) einer neuen Band und b) die Musik unbekannt, es gibt ein Instant Composing. Nur die gegenseitige Neugierde und Vorfreude auf das „Playing for the Tapes“ sorgt für Adrenalin-Schub der Extraklasse, habe nachts kaum ein Auge zugetan.

„Trout Recordings“ ist der genau richtige Ort, um unsere Musik aufzunehmen – alles Vintage-Gear – unglaubliche Mikrophone, eine Wand voller Gitarren und Tasten-Instrumente, die es für eine gescheite Rockproduktion mit 80-er Grunge-Sound braucht – Hammondorgeln, Farfisa, Wurlitzer, Melotron – alles da. Dann die Drums-Sammlung: ein „abgefacktes“ Gretsch, ein neueres Pearl aber dann vor allem das Prunkstück: ein Slingerland-Drum mit 26er Bassdrum (autsch!) und 14“ Racktom und 18“ Floortom – natürlich suche ich mir dieses Drum aus, um dem massiven Sound von Melvin die Stange halten zu können.

Schon gut eine Stunde nach unserer Ankunft haben Bryce, der Besitzer und Engineer mit seinen zwei Assistenten alles soweit verkabelt und gestöpselt, dass wir loslegen können. Elliots Amps brüllen in einem Separée, welches halboffen bleibt, damit wir ohne Kopfhörer spielen können – durch diese leichte Trennung und Distanz können die Röhren der Amps am Limit laufen und das ist gut für den mega Klang von Elliot. Nie mehr seit ich mit Stephan Wittwer in Sons Of Sludge gespielt habe, habe ich einen so geilen Rock-Gitarren Sound gehört.

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All photos by Manuel Wagner (mail[at]wagnerchic.com)

Ein kräftiger Sound ist für diese frei spielende Band auch entscheidend – im Stone am Abend vorher hat der Bassamp bereits nach kurzer Zeit seinen Geist aufgegeben, was Melvin als alten Hasen doch auch etwas aus dem Konzept gebracht hat und uns einige Zeit kostete, bis wir wieder in den „Play-Flow“ fanden, wie ich ihn so mag.

Hier im Studio braucht Melvin nicht zu basteln – er spielt beherzt mit seinem grossen Sound – der Spass kommt zurück, unsere Blicke suchen sich beim Spielen immer wieder – es funkt. Das Spezielle in diesem doch leicht heruntergekommenen Studio (der Raum sieht eher aus wie ein Brockenhaus, nur anstatt Möbel sind da Instrumente ausgestellt) – ist die analoge Zweizoll 24 Spur Bandmaschine von Studer.

Damit Bryce die Bandkompression benutzen kann, um diesen typischen Fullrange-Sound zu generieren, laufen alle Mikrophon-Spuren über die Bandmaschine und erst von dort auf die Recording Software Pro Tools, das digitale Band quasi. Dieses Prozedere zwingt uns maximal 16-minütige Tracks zu spielen. Bryce muss aber trotzdem zweimal mit einem Papier „One More Minute“ in den Recording Raum kommen und uns aus der entrückten Spieltrance abholen, sonst läuft das Band aus der Spule.

Nach etwa neun bespielten Spulen, also etwas mehr als zwei Stunden musikalischem Material ist der Pfupf draussen und die Sache drin. Packen, die Tracks auf Harddisk kopieren und das Studio Cash bezahlen. Dann lecker japanisch Essen mit meinen zwei neuen Freunden. Das muss schon gefeiert werden.

Drei Tage später besuchen Patrik und ich Elliot in seinem Studio im East-Village. Die Tracks sind zum grossen Teil editiert und der Sound klingt mächtig – wir müssen noch etwas an der Präsenz der Drums arbeiten, sie sind noch zu indirekt und ich wünsche mir noch mehr low-end in der Bassdrum.

Noch selten habe ich so effizient eine kreative Produktion miterlebt. Grace under Pressure? Oder einfach auch der Kick aus dem Druck? Diese Arbeitsweise ist hier in New York überlebensnotwendig (und generiert grossartige Momente) – ist für mich aber nicht die allein gültige. (Ich stehe auch auf Tüfteln, Basteln, Abgehangenes, Gefiltertes, archäologisch Freigelegtes, Prozesshaftes im Studio).

Zum produktiven Speed und der effizienten Kreativität von New York jedoch passt es bestens.

Lucas Niggli

One thought on “Kreative Effizienz oder effiziente Kreativität? Recording Session mit Elliot und Melvin

  1. Lucas Niggli says:

    wow, what a day at the TROUT STUDIO in brooklyn, and the first listening back of the recordings are very promising.
    thanxx manuel, for the great shots, there is a crazy bean – player…

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