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Der 2. März: SHARP–GIBBS–NIGGLI / FRITH–STREIFF

Am nächsten Morgen schalte ich früh meinen kleinen Transistorradio ein und stoße auf einen Sender, der hochkarätigen Jazz präsentiert. Campus-Radio WKCR portraitiert in heller Frühe den Altsaxofonisten Jemeel Moondoc, der seit Jahren zur Grundausstattung der Jazzszene in Downtown Manhattan gehört.

Später auf dem Weg zum Interview mit dem Elektronik/Synthesizer-Pionier Morton Subotnick kommen wir in Greenwich Village am legendären „Cafe Wah?“ vorbei, der Wiege des Folkrevivals der 60er Jahre, wo Bob Dylan seinen ersten Auftritt absolviert haben soll. Zwei Straßen weiter ist eine Film-Crew an der Arbeit. Passanten bleiben stehen und schauen zu. Als ich mich bei einer resoluten Lady, die uns mit Megafon vom Gehweg scheucht, erkundige, wer hier aufnimmt, sagt sie lakonisch: Coen Brothers! Wowwww!

Abends im STONE ist abermals ein Powertrio zu Gange. Jetzt hat sich Lucas Niggli mit Elliott Sharp zusammengetan. Allerdings macht der Verstärker von Bassist Melvin Gibbs Zicken. Man bricht ab und fummelt am Equipment. Die verlorene Zeit kompensieren die Musiker später durch Hyperaktivität. Schwärme an Tönen schwirren durch die Luft. Im anschließenden Duo gehen Fred Frith und die Schweizer Saxofonistin Co Streiff behutsamer und einfühlsamer zur Sache.

Christoph Wagner

Das Eröffnungskonzert am 1. März

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg, um den Anti-Folk-Liedermacher Jeffrey Lewis zu besuchen. Er wohnt in der East 4ten Straßen im Herzen der Lower East Side von Manhattan – „the old heartland of creative music in New York“.

Jeff hatte vor ein paar Jahren einen Zyklus von Songs geschrieben, die sich alle mit der Musikgeschichte des Viertels befassten. Für ihn ist das Viertel ein spiritueller Ort alternativer Musik, egal ob Folk, Rock, Jazz, avantgardistische E-Musik oder Minimalismus.

Jeffrey ist hier geboren, hat seine Kindheit und Jugend hier verbracht und seine musikalische Lehre hier absolviert. Seine Lehrer waren die Musiker, die hier in den 60er Jahren die Welt auf den Kopf stellten.

Seine These: LA sei eine Autostadt, während in New York (besonders in Manhattan) jeder zu Fuß geht. Das bedeutet: Wenn du hier wohnst, läufst du zwangsläufig ultraberühmten Musikern über den Weg wie Philip Glass, Lou Reed (Velvet Underground) oder Thurston Moore (Sonic Youth). Auf diese Weise traf Jeffrey auch Tuli Kupferberg, den legendären Beat-Lyriker und Gründungsmitglied der Anarcho-Slapstick-Chaos-Band The Fugs. Die beiden freundete sich an. Jeffrey Lewis beschreibt Tuli Kupferberg als „die gute Seele des Viertels“, mit dessen Tod letztes Jahr eine Ära zu Ende ging. Das Wohnumfeld verändert sich seit langem. Seit es wieder „chic“ ist hier zu wohnen, halten auch multinationale Unternehmen wie McDonalds Einzug.

Der STONE in der 2ten Straße ist einer der letzten kreativen Konzerträume, der dem Exodus der Jazzclubs bisher noch widerstehen konnte. Der „concert space“ ist nicht leicht zu finden. Nur an der gläsernen Eingangstür steht sein Name in winzigen Buchstaben. Man muss schon zu der Gruppe verschworener Eingeweihter gehören, um hierher zu finden. Innen ist er eher unspektakulär eingerichtet, fast asketisch: Backsteinwände, Klappstühle, keine Bar!

Zum Eröffnungskonzert der INTAKT-Konzertserie ist viel Publikum gekommen. Der kleine Raum ist rappelvoll bei einer Kapazität von 75 Besuchern. Labelchef Patrik Landolt eröffnet mit ein paar kurzen Begrüßungsworten die Reihe. Mit Musikern seines Labels INTAKT wird er in den nächsten 2 Wochen das Programm bestreiten – zwei Sets pro Abend. Für die Schweizer Musiker eine Ehre. Manche treten das erste Mal in New York auf.

Gitarrist Fred Frith macht mit seinem Trio den Auftakt. Die Band knallt mit brachialer Lautstärke los. Frith hat das Bottleneck-Spiel zu einer Saitenkunst mit vielfältigen Gegenständen entwickelt, die er abwechselnd über das Griffbrett tanzen lässt. Harsche Klänge dominieren. Ein paar Zuhörer verlassen fluchtartig den Raum.

Der zweite Set des Abends macht wett, was dem ersten abging. Jetzt spielt Frith mit dem Schweizer Schlagwerker Lucas Niggli ein einfühlsames Duett. Niggli ist ein quirrliger Perkussionist, der aber auch subtil zu musizieren weiß. Und Frith findet ebenfalls zu recht wolkig zarten Tönen. Die Musik ebbt auf und ab, verdichtet sich und löst sich wieder in Stille auf.

Christoph Wagner

Nichts zu lachen

Nach dem Auftakt vom vergangenen Sonntag im Moods, dessen aufgekratzte Stimmung an die Vorfreuden von Schulreisli erinnerte, hat uns hier in New York der harte Businessalltag wieder eingeholt. Das vorbestellte Equipment für die Auftritte, ein Schlagzeug, die Becken, das Pickup für den Bassverstärker etc. müssen überall in der Stadt abgeholt und ins Stone transportiert werden, die Kommunikation unter den Musikern, die in verschiedenen Hotels und Wohnungen untergebracht sind, funktioniert noch eher rudimentär, die Anfragen von New Yorker Journalisten um Interviews und von Leute, die sich aus erfindlichen oder unerfindlichen Gründen für “Gäste” halten und um Gratiseintritte betteln, erreichen Anja und Patrik derzeit noch etwas umständlich und nicht immer ganz pannenfrei vorwiegend über das Intakt-Headquarters in Zürich.

Die grösste Sorge aber bereitet der Bassist Christian Weber, der am Samstag, also bereits in zwei Tagen, seinen ersten Auftritt haben sollte; er sitzt immer noch in Zürich, dreht Däumchen, ärgert sich und wartet auf sein Arbeitsvisum von der amerikanischen Botschaft. Dort liegt seit zweieinhalb Wochen auf irgendeinem Schreibtisch auch sein Pass; Christian könnte also nicht einmal als gewöhnlicher Tourist einreisen.

Überhaupt der Visa-Albtraum – es lohnt sich, ihn etwas ausführlicher zu erzählen: Dass die amerikanischen Behörden in einer abstrusen Mischung aus Protektionismus, Paranoia und Bürokratie Musikern und anderen Künstlern das Leben schwer machen, dass Musiker ohne gültiges Arbeits-Visum die Einreise verweigert wird und sie gleich mit dem nächsten Flugzeug wieder nach Hause fliegen müssen, ist bekannt. Auch John Zorn, der Leiter des Stone, hat Patrik bereits im letzten Sommer darauf hingewiesen.

Nik Bärtsch, der vor zwei Jahren eine USA-Tournee absolvierte, gab Intakt den Tip, die komplizierte Visafrage in Zusammenarbeit mit der Traffic Control Group TCG, einer international tätigen Agentur für Visa- und Immigrationsfragen, anzupacken. Als effizienteste und finanziell günstigste Lösung – insgesamt gibt es rund 50 unterschiedliche Arbeitsvisa – schlug TCG vor, die 14köpfige Schweizer Musiker-Delegation als Orchester unter der Leitung eines “artist with extraordinary abilities” zu deklarieren. Das erspart den restlichen Musikern den Nachweis, dass sie in den USA durch keinen anderen Musiker ersetzbar seien.

Aber auch so war die Beschaffung der Arbeitsvisa kein Spaziergang. Woche und Woche, insgesamt mehrere hundert Stunden sassen Anja Illmaier von Intakt und der Gitarrist Philipp Schaufelberger, welche die Organisation der Visa übernommen hatten, über ihren Formularen, am Computer und am Telefon, halfen den Musikern beim Ausfüllen der Formulare und liessen geduldig und mit bloss leisen Murren noch die unsinnigsten Schikanen der Amerikaner über sich ergehen.

Für Pierre Favre bedeutete die “Orchesterleitung”, dass er sich vor den Amerikanern fast bis aufs Hemd ausziehen musste. Verlangt wurde ein ausführliches, rund 50seitiges englischsprachiges Dossier als Nachweis seiner ausserordentlichen Fähigkeiten: Presseunterlagen von internationalen Tourneen, Bestätigungen von Pro Helvetia, der Stadt Zürich und anderen namhaften Institutionen, Auszeichnungen, Preise, Schallplatten und CDs. Dazu die Beantwortung von rund 50 Fragen, die bis in die intimsten Details gehen, über seine Eltern, seine Kinder, seine Ehen und den Verlauf seiner Scheidungen etc.

Das heisst allerdings nicht, dass die übrigen Musiker ungeschoren davon kamen: Auch sie hatten umfangreiche Dossiers abzuliefern, die neben persönlichen Angaben auch ihren musikalischen Werdegang und insbesondere auch ihre beruflichen Beziehungen zu Pierre umfassten.
Damit nicht genug: Jede Musikerin, jeder Musiker musste zusätzlich auf einen je individuellen Termin in der Botschaft antraben – ausdrücklich ohne Taschen, ohne Handy und andere terrorverdächtige Utensilien, aber mit Pass, Passfoto und einem frankierten Couvert mit der eigenen Adressen. Selbst für den in Berlin lebende Posaunisten Samuel Blaser gab es kein Pardon. Nach Durchsicht der eingereichten Dokumente durften die Musiker immerhin freundlicherweise wieder nach Hause gehen, allerdings ohne ihren Pass. Dieser wurde ihnen zwei, drei Tage später im frankierten Couvert hinterher geschickt.

Ausser demjenigen von Christian Weber. Ob es daran liegt, dass es zu viele Christian Webers auf der Welt gibt und die Fahndungscomputer der vereinigten amerikanischen Geheimdienste und der Home Security zu heiss liefen, oder daran, dass Weber erst kürzlich Konzerte in Malaysia gab und sich dort möglicherweise einer islamischen Terrorgruppe angeschlossen haben könnte, wer weiss es schon …

Bis heute Donnerstagabend blieben jedenfalls alle möglichen und unmöglichen Versuche und Demarchen, selbst der stadtzürcherischen Verwaltung und des EDA erfolglos.

Trotzdem: In drei Stunden geht es hier los mit einem Trio des Gitarristen Fred Frith mit dem Bassisten Ismaily Shahzad und dem Schlagzeuger Matthias Bossi und einem Duo von Frith mit Lucas Niggli.

Christian Rentsch

Group-Photo from Moods-Concert

Group-Photo

ZÜRICH – NEW YORK im MOODS Zürich

Musicians: Co Streiff, Jürg Wickihalder, Michael Jaeger, Philipp Schaufelberger, Irène Schweizer, Gabriela Friedli, Jan Schlegel, Fabian Gisler, Christian Weber, Dieter Ulrich, Pierre Favre, Lucas Niggli, Julian Sartorius

Intaktrecords-Staff: Patrik Landolt, Maggie Steiner, Anja Illmaier