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Spiel ohne Netz

Keiner wagte so viel wie Lucas Niggli und hatte damit solch einen Erfolg. Als Patrik Landolt ihn im vergangenen Herbst anfragte, mit welcher seiner Gruppen er im “Stone” auftreten möchte, entschied sich Niggli für die radikalste Lösung: Am liebsten wären ihm überraschende Begegnungen mit Musikern, mit denen er noch nie zuvor – oder zumindest noch nie in dieser Konstellation – zusammen gespielt habe. Die beiden Auftritt mit dem Soundtüftler Fred Frith und mit dem Saxophonisten Tim Berne und der Pianistin Angelica Sanchez gehörten denn auch zu den Highlights der ersten Festivalwoche. “Mit Fred Frith habe ich erst einmal mit einer grösseren Formation (als “Gast” auf der CD “The Big Picture” mit dem Arte Quartett) zusammengespielt; Time Bern, den ich seit langen hoch verehre, hat, ohne mich persönlich zu kennen, wunderbare Linernotes für meine CD ‘Crash Cruise’ geschrieben. Und die Pianistin Angelica Sanchez, die mir völlig unbekannt war und die Berne mit ins Spiel gebracht, war ohnehin eine sensationelle Entdeckung für mich.”

Ein drittes Set mit dem rockig- speedigen Gitarristen Elliott Sharp und dem Bassisten Melvin Gibbs litt etwas darunter, dass nach wenigen Minuten der Bassverstärker von Gibbs ausstieg und die drei Musiker nach einem langen, hektischen Unterbruch es nicht ganz leicht hatten, wieder so richtig in Fahrt zu kommen. Am folgenden Tag aber nahmen die drei im “Trout”-Studio in Brooklyn eine CD auf. “Da ging dann die Post ab wie verückt, innerhalb von drei Stunden hatten wir die ganzen Aufnahmen eingespielt.”

“Für mich waren diese Tage in New York ein unglaublich intensives Erlebnis”, meine Niggli vor seinem Rückflug nach Zürich, “in welche anderen Stadt kann man so etwas haben: Am Vormittag ein hervorragendes Konzert mit Bach-Kantaten in der Trinity Church und nach Mitternacht noch zwei grandiose Sets von Butch Morris mit seinem Nublu-Orchestra, alles unbekannte, hochtalentierte junge Musiker. Und drei Auftritte innerhalb von drei Tagen mit fünf grossartigen Musikerinnen und Musikern vor einem sehr aufmerksamen, konzentrierten Publikum. Das könnte man hier während Wochen so haben, die Musikszene, die Museen, die vielen unkomplizierten Begegnungen mit aussergewöhnlichen Musikern, die einen ohne Umstände herzlich empfangen. Unglaublich. Und ein Riesengeschenk auch von Patrik und seinem Intakt-Label, denn: Dank der intensiven Vernetzung von Intakt mit der New Yorker-Szene öffnen sich sofort viele Türen. Die meisten dieser Musiker kennen meine Arbeit aufgrund der vielen CDs, die ich bei Intakt veröffentlicht habe, sehr genau und sind interessiert daran, einen zu treffen und kennenzulernen. Aber: Längere Zeit hier leben könnte ich nicht; die Intensität ist so überwältigend, dass ich wohl kaum mehr zum Arbeiten käme. Ich würde mich auf die Dauer auflösen wie eine Brausetablette. Ich brauche auch Ruhe, um mich konzentrieren zu können.”

Christian Rentsch

Kreative Effizienz oder effiziente Kreativität? Recording Session mit Elliot und Melvin

Am Tag nach unserem ersten Konzert sind wir am Samstag morgen um halb elf in einem Aufnahme Studio in Brooklyn für eine Session verabredet. Ich war schon sehr neugierig, wie eine solche Recording Session abläuft – mit a) einer neuen Band und b) die Musik unbekannt, es gibt ein Instant Composing. Nur die gegenseitige Neugierde und Vorfreude auf das „Playing for the Tapes“ sorgt für Adrenalin-Schub der Extraklasse, habe nachts kaum ein Auge zugetan.

„Trout Recordings“ ist der genau richtige Ort, um unsere Musik aufzunehmen – alles Vintage-Gear – unglaubliche Mikrophone, eine Wand voller Gitarren und Tasten-Instrumente, die es für eine gescheite Rockproduktion mit 80-er Grunge-Sound braucht – Hammondorgeln, Farfisa, Wurlitzer, Melotron – alles da. Dann die Drums-Sammlung: ein „abgefacktes“ Gretsch, ein neueres Pearl aber dann vor allem das Prunkstück: ein Slingerland-Drum mit 26er Bassdrum (autsch!) und 14“ Racktom und 18“ Floortom – natürlich suche ich mir dieses Drum aus, um dem massiven Sound von Melvin die Stange halten zu können.

Schon gut eine Stunde nach unserer Ankunft haben Bryce, der Besitzer und Engineer mit seinen zwei Assistenten alles soweit verkabelt und gestöpselt, dass wir loslegen können. Elliots Amps brüllen in einem Separée, welches halboffen bleibt, damit wir ohne Kopfhörer spielen können – durch diese leichte Trennung und Distanz können die Röhren der Amps am Limit laufen und das ist gut für den mega Klang von Elliot. Nie mehr seit ich mit Stephan Wittwer in Sons Of Sludge gespielt habe, habe ich einen so geilen Rock-Gitarren Sound gehört.

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All photos by Manuel Wagner (mail[at]wagnerchic.com)

Ein kräftiger Sound ist für diese frei spielende Band auch entscheidend – im Stone am Abend vorher hat der Bassamp bereits nach kurzer Zeit seinen Geist aufgegeben, was Melvin als alten Hasen doch auch etwas aus dem Konzept gebracht hat und uns einige Zeit kostete, bis wir wieder in den „Play-Flow“ fanden, wie ich ihn so mag.

Hier im Studio braucht Melvin nicht zu basteln – er spielt beherzt mit seinem grossen Sound – der Spass kommt zurück, unsere Blicke suchen sich beim Spielen immer wieder – es funkt. Das Spezielle in diesem doch leicht heruntergekommenen Studio (der Raum sieht eher aus wie ein Brockenhaus, nur anstatt Möbel sind da Instrumente ausgestellt) – ist die analoge Zweizoll 24 Spur Bandmaschine von Studer.

Damit Bryce die Bandkompression benutzen kann, um diesen typischen Fullrange-Sound zu generieren, laufen alle Mikrophon-Spuren über die Bandmaschine und erst von dort auf die Recording Software Pro Tools, das digitale Band quasi. Dieses Prozedere zwingt uns maximal 16-minütige Tracks zu spielen. Bryce muss aber trotzdem zweimal mit einem Papier „One More Minute“ in den Recording Raum kommen und uns aus der entrückten Spieltrance abholen, sonst läuft das Band aus der Spule.

Nach etwa neun bespielten Spulen, also etwas mehr als zwei Stunden musikalischem Material ist der Pfupf draussen und die Sache drin. Packen, die Tracks auf Harddisk kopieren und das Studio Cash bezahlen. Dann lecker japanisch Essen mit meinen zwei neuen Freunden. Das muss schon gefeiert werden.

Drei Tage später besuchen Patrik und ich Elliot in seinem Studio im East-Village. Die Tracks sind zum grossen Teil editiert und der Sound klingt mächtig – wir müssen noch etwas an der Präsenz der Drums arbeiten, sie sind noch zu indirekt und ich wünsche mir noch mehr low-end in der Bassdrum.

Noch selten habe ich so effizient eine kreative Produktion miterlebt. Grace under Pressure? Oder einfach auch der Kick aus dem Druck? Diese Arbeitsweise ist hier in New York überlebensnotwendig (und generiert grossartige Momente) – ist für mich aber nicht die allein gültige. (Ich stehe auch auf Tüfteln, Basteln, Abgehangenes, Gefiltertes, archäologisch Freigelegtes, Prozesshaftes im Studio).

Zum produktiven Speed und der effizienten Kreativität von New York jedoch passt es bestens.

Lucas Niggli

6. März 2012 (II)

Am Nachmittag lese ich Dieter Ulrichs Artikel „Switzerland – A Drummer’s Country“ in der Zeitschrift „New York City Jazz Record“, der wohl besser mit „Switzerland – A Drummers Country“ (Die Schweiz – ein Land von Schlagzeugern) überschrieben gewesen wäre. Darin spürt Ulrich dem Phänomen nach, warum es in der Schweiz überdurchschnittlich viele überdurchschnittliche Schlagzeuger gibt. Die Diagnose stimmt, allerdings präsentiert er dann doch eine recht steile These, wenn er behauptet: „But, of the five leading European drummers born between 1930-40, four were Swiss.“ I beg your pardon!!!! Was ist mit Jaki Liebezeit (Jahrgang 1938), Ralf Hübner (Jg. 1938), Ginger Baker (Jg. 1939), Kenny Clare (Jg. 1929), Mani Neumeier (Jg. 1940), Hartwig Bartz (Jg. 1936) und Joe Nay (Jg. 1934) to name just a few. Schweizer Kirchturmblick?

Im STONE geht nach der montäglichen Auszeit das INTAKT-Festival weiter. Dieter Ulrich (Schlagzeug), Oliver Lake (Altsaxofon) und William Parker (Baß), der für Christian Weber eingesprungen ist, explodieren in einem Set, der noch einmal die glorreiche Blütezeit des Freejazz der 60er und 70er Jahre heraufbeschwört. Expressive Saxofonschreie, dichtes Trommelspiel und sonore Baßläufe verdichten zu energetischen Entladungen.

Versonnener präsentiert sich die zweite Band des Abends. Das Ad-Hoc-Trio von Tim Berne (Altsaxofon), Angelica Sanchez (Piano) und Lucas Niggli (Drums) beginnt mit zirkularen Linien, die sich ineinander verschränken, um sich danach langsam auszudifferenzieren. Nach dynamischen Steigerungen kehrt die Gruppe immer wieder zum leiseren Spiel zurück, bei dem poetische Klänge die Atmosphäre bestimmen.

Christoph Wagner

Fred Frith about the festival

After an exhilarating couple of days helping launch Intakt’s fortnight at The Stone I’m struck yet again by how much great music has come out of this very small country (you could fit three Switzerlands into New York state, and ten into California!) Piano (Irene Schweizer, Sylvie Courvoisier, Katharina Weber), drums (Fredi Studer, Lucas Niggli, Pierre Favre, Fritz Hauser, Dieter Ulrich), horns (Urs Leimgruber, Co Streiff, Arte Quartet, Hans Koch), strings (Charlotte Hug, Alfred Zimmerlin, Martin Schutz) and voices (Doro Schurch, Franziska Baumann)—chances are that if you’re into improvisation you already know many of these names, and every year there are more and more names as new and energetic practitioners emerge. Intakt is the logical (if not the only) home for many of these extraordinary musicians, and New Yorkers are enjoying a rare chance to see some of them interact with the local scene. I had a great time, wish I could have stayed longer. A celebration, a party, and a lesson in how things can be done. Bravo Intakt, and chapeau to them and to JZ for thinking, as always, out of the box …

Fred Frith

6. März 2012

Wir gehen zum Interview zu Ellery Eskelin. Er wohnt in der 43sten Straße ziemlich westlich in einem Hochhaus, das Musikern vorbehalten ist. In den 80er Jahre habe ich hier einmal den Bassisten Fred Hopkins besucht, der ein paar Jahre später verstarb. Wir melden uns beim Pförtner. Er kündigt uns bei Ellery an, während wir uns ins Gästebuch eintragen. Dann winkt er uns durch. Mit dem Lift geht’s nach oben. Ellery öffnet die Tür und fragt, wen wir besuchen wollen, wir seien hier wohl falsch. Ein bisschen verwirrt sage ich: „Wir haben eine Verabredung mit Santa Claus .“ „Santa Claus?“ fragt Ellery zurück. „Wohnt nicht hier.“ Die Situation nimmt kafkaeske Züge an. Erst als ich sage: „Wir sind hier wegen des Interviews!“ fällt bei ihm der Groschen und ich wette, er wäre vor Peinlichkeit am Liebsten im Boden versunken. „Oh, my god – sorry! Hatte ich total vergessen. Ist mir unendlich peinlich – kommt rein!“

Es wird ein interessantes Gespräch, in welchem er präzise den Stilwandel begründet, den er seit ein paar Jahren vollzogen hat und der beim Konzert im STONE so kontrovers aufgenommen wurde. Eskelin will vom konventionellen modernen Jazzsaxofonspiel weg, weil er das Gefühl hat, dass auf dem Weg in die Moderne etwas verloren gegangen ist, eine Qualität, die das Spiel der alten Jazzsaxofonisten noch hatte: eine vokale Qualität, etwas Singhaftes, Improvisationen, die mit weniger Tönen auskamen, mehr Ausdruck, weniger Schnörkel und Verzierungen. Ihm schwebt vor, zu einfacheren Melodielinien zurückzukehren und so den „Spirit“ des alten Jazz in einem modernen Rahmen wieder auferstehen zu lassen. Keine Nostalgieveranstaltungen also, sondern Innovation aus dem Geist der Tradition. Folgerichtig spielt er ein Saxofon, Baujahr 1927. Es ist schwieriger zu bedienen ist, klingt aber anders.
   
Nach dem Gespräch fahren wir in den 46sten Stock hoch, um auf Manhattan herabzuschauen und ein paar Fotos zu machen. Menschen werden zu Ameisen, Autos zu Spielzeugautomobilen.

Christoph Wagner

Konzerte von 4. März 2012

Früh morgens geht es auf den Flohmark – “Vinyl hunt!”. Es fallen mir die wildesten Alben in die Hände, 30 insgesamt – wie krieg ich die nur nach Europa? Darunter befindet sich die erste LP des südafrikanischen Trompeters Hugh Masekela, 1966 in LA eingespielt mit Big Black (Conga) – eine echte Perle!

Am Nachmittag besuchen wir den deutschen Vokalisten Theo Bleckmann zum Interview in seinem Apartment in “Midtown”- Manahattan mit tollem Blick auf das Empire State Building. Bleckmann lebt schon länger in New York, liebt die Stadt und bietet uns exquisite bunte Schokolade an. Er ist mit interessanten eigenen Projekten aktiv, aber auch im Ensemble von Meredith Monk engagiert.

Mit dem Quartet Objects Trouvés tritt Samstagnacht zum ersten Mal eine rein Schweizerische Gruppe auf. Das Ensemble, angeführt von der Pianistin und Komponistin Gabriela Friedli, beweist mit einem verschlungenen modernen Jazz, der sich durch notierte und frei improvisierte Passagen schlängelt, dass es sehr wohl auf internationalem Parkett mithalten kann.

In der zweiten Halbzeit betritt das Duo von Ellery Eskelin (Tenorsaxofon) und Michael Griener (Schlagzeug) das Spielfeld. (Auch die beiden musste auf Christian Webers Bass verzichten.) Eskelin ist ein durch und durch amerikanischer Saxofonist, ein narrativer „Storyteller“ in dessen abstrakten Linien in jeder Note das Blueserbe durchscheint. Er spielt sparsam und setzt die Töne so konzentriert und aussagekräftig wie bei einer Ballade. Michael Griener sorgt für einen wunderbar schwebenden Puls. Darüber hinaus setzt er melodische Akzente, in dem er kleine Metallcymbals wie ein Westentaschen-Gamelan aufklingen lässt. Unwillkürlich kommt ‘Interstellar Space’ in den Sinn, das bahnbrechende Album von John Coltrane und Rashied Ali aus dem Jahr 1967.

Christoph Wagner

Konzerte von 3. März 2012

Samstag ist der Tag von Julian Sartorius, dem jungen Schlagzeug-Talent aus der Schweiz (und mit dem Saxofonisten Michael Jaeger wohl der Benjamin des gesamten INTAKT-Festivals im STONE). Zuerst ist Sartorius im Duo mit der Pianistin Sylvie Courvoisier zu hören, die aus Lausanne stammt, aber schon lange in New York lebt, hier verheiratet ist und deshalb getrost der amerikanischen Szene zugerechnet werden kann. Das Duo wird eine eindrückliche Begegnung des kreativen Austauschs. Courvoisier fächert die ganze Palette pianistischer Möglichkeiten auf, während Sartorius mit subtiler Perkussion und dichtem melodischen Schlagzeugspiel ihr auf gleicher Augenhöhe begegnet.

Im zweiten Set des Abends sitzt Sartorius dann auf dem Schlagzeugstuhl im Quartett von Co Streiff (Altsaxofon) und Russ Johnson (Trompete). Komplettiert wird das Ensemble durch den Bassisten Michael Bates, der in letzter Minute für Christian Weber eingesprungen ist, weil dieser wegen Visa-Ärgernissen es nicht über den Teich geschafft hat. Trotz dieser Ad-Hoc-Umstellung klingt die Band wie aus einem Guss. Ihr swingender, an Ornette Colemans klassischem Quartett ausgerichteter Stil bildet eine willkommene Abwechslung zu den freien Improvisations-Explorationen, die die beiden ersten Tage dominierten. Und die Band besitzt Feuer, weiss Spannungspotentiale aufzubauen und mit Dynamik zu arbeiten.

Christoph Wagner

Gut angekommen / The Stone II

Das NY-ZH-Festival ist, zumindest bis heute, ein voller Erfolg: “The Stone” war bisher jeden Abend zweimal ganz oder fast annähernd ausverkauft. Das ist gewiss auch dem monatlich erscheinenden Magazin “New York City Jazz Record” zu verdanken, einem hervorragend gemachten 48seitigen Magazin mit Porträts, Interviews, ausführlichen CD-Kritiken – darunter in diesem Heft gleich sieben Intakt-Platten -, Konzertkritiken und Vorschauen, das in allen New Yorkern Jazzclubs gratis aufliegt. Das Heft bringt in der März-Nummer ein ausführliches Interview mit Pierre Favre und einen längeren Text von Dieter Ulrich über die Schweiz als Land der Schlagzeuger.

Auch in einigen anderen Ausgehmagazinen, etwa dem “TimeOut New York”, gab es kurze Vorschauen auf das Festival oder auf einzelne Konzerte. Und selbst die konservative New York Times, die mit Jazztipps fast so knauserig umgeht wie der Züritipp und fast ausschliesslich die vier, fünf grössten Touristenclubs wie das Birdland, Jazz Standard, Village Vanguard oder Blue Note berücksichtigt, konnte nicht umhin, auf den kommenden Auftritt des Ingrid Laubrock Orchestras im “Stone” hinzuweisen. Und im Jazzradio WBGO stellte der Schlagzeuger Tom Rainey das Festival und seine Musiker während voller zwei Stunden vor.

Dass dennoch “nur” jeweils siebzig, achtzig Leute der Millionenstadt ins “Stone” finden, mag auf den ersten Blick erstaunen, aber: Es widerspiegelt bloss den Zustand der gegenwärtigen amerikanischen Jazzszene. Alles Retro, die Zeiten, in denen Downtown-Stars wie John Zorn, Wayne Horvitz, Elliott Sharp, Don Byron, Anthony Braxton oder Dewey Redman in der legendären “Knitting Factory” jeweils mehrere hundert Leute anzogen, sind längst vorbei. Die “Knitting Factory” hat sich übrigens nach 2000 unter einer neuen Leitung weitgehend auf alternative Rock- und Popmusik spezialisiert und dislozierte im September 2009 nach Brooklyn, weil die sinkenden Besucherzahlen die steigende Miete im East Village nicht mehr einspielten.

Die Szene um John Zorn hatte sich allerdings nach jahrelangen Streitereien mit den neuen Besitzern und Leitern schon früher aus der “Knitting Factory” verabschiedet. Im Frühling eröffnete Zorn an der Norfolk Street, ganz in der Nähe vom heutigen “Stone”, in einer ehemaligen Weinhandlung das “Tonic”. In dem etwas schmuddeligen Lokal entstanden in den folgenden Jahren zahlreiche ausserordentliche Aufnahmen unter anderem von Medeski Martin & Wood, Zorns Masada-Quartett, von William Parker, Fred Frith und anderen in Europa hochgefeierten Stars der alternativen New Yorker Szene.

Im April 2007 aber musste auch dass “Tonic” aufgeben, als die Besitzer auf einen Schlag die Miete immens erhöhten. Eine Protestdemo nach der Schliessung endete mit einem Polizeieinsatz und der Verhaftung des Gitarristen Marc Ribot und der Sängerin und Schauspielerin Rebecca Moore. Übrig blieb das bereits 2005 eröffnete “The Stone”, das Zorn im Gegensatz zum “Tonic” nicht selber programmiert, sondern Musikern, Bands und Labels für Tage oder Wochen gratis zur Verfügung stellt.

Christian Rentsch

Studiobesuch

Auf einem Streifzug den Broadway hoch begegnet uns ein drahtiger älterer schwarzer Herr mit Käppi, dünnen Rastalocken, riesiger Sonnenbrille und ganz exquisit gekleidet. Er ist in sich gekehrt, rezitiert und raunt aber seltsame Verse in einer geheimnisvollen Sprache beim Gehen. Erst als wir schon längst an ihm vorbei sind, dämmert es mir: I think I saw Cecil Taylor. Jeffrey Lewis hatte schon recht. In Downtown Manhattan muss man nur lang genug herumlaufen, bis einem irgendeine Berühmtheit über den Weg läuft. Allerdings muss man sie auch erkennen.

Am Nachmittag Besuch in Brooklyn im Trout Studio, einem flachen Industriebau an der 3rd Avenue, wo Elliott Sharp, Melvin Gibbs und Lucas Niggli mit Aufnahmen beschäftigt sind. Ein neues Album soll entstehen. Als wir eintreffen, ist das meiste bereits im Kasten. Die drei haben schon morgens um 10:30 begonnen. Das Studio ist auf ‘Vintage’-Aufnahmen spezialisiert und mit exquisitem Equipment ausgestattet – keine Digitalgeräte von der Stange. Der Toningenieur erzählt, dass hier von John Zorn über Anthony & The Johnsons bis zu Joan As A Police Woman schon viele Einspielungen gemacht haben.

Es wird zuerst auf Band aufgenommen, was dann in den digitalen Mischpult eingespeist wird. Was zu Ohren kommt, hört sich äußerst vielversprechend an: ein mächtiger Sound aus weit hinaussegelnden Gitarrenklängen, treibendem Schlagzeug und einem wuchtigem Baß, der – im Gegensatz zum Konzert am Vorabend – endlich richtig zur Geltung kommt.

Christoph Wagner

The Stone (I)

Wer “The Stone” zum ersten Mal sucht, muss detektivische Fähigkeiten haben; der Club macht sich klein: Ausser einer kleinen Anschrift an der Tür deutet nichts darauf hin, dass sich in diesem unscheinbaren Eckhaus an der Avenue C/2nd Street der vielleicht interessanteste New Yorker Club für experimentelle und frei improvisierte Musik versteckt. Auch drinnen geht alles ohne Glanz & Gloria. “The Stone” ist eine grosse Schuhschachtel, ein schmuckloser Raum, es gibt keine Bar, weder Bühne noch Musikergarderobe. Man sitzt eng aufeinander auf Klappstühlen. 74 Plätze hat die Feuerpolizei erlaubt, mehr als 80 Personen haben eh nicht Platz; hin und wieder kommt die Feuerwehr und schaut, ob die Anordnung eingehalten wird.

Stone-Entry
Photo by Manuel Wagner (mail[at]wagnerchic.com)

Auch sonst geht es einfach zu und her. An der Kasse steht ein “Volunteer”, einer der rund zwanzig freiwilligen Helfer, ohne deren Gratisarbeit es nicht gehen würde. Pro Abend werden zwei Sets gespielt, um Viertel nach Zehn ist definitiv Schluss, damit die duldsamen Nachbarn über dem Club ins Bett und die freiwilligen Helfer, die an der Kasse stehen, die Klappstühle wegräumen und den Raum putzen, nach Hause gehen können. Der Eintritt, zehn Dollar pro Set, kommt zu hundert Prozent den Musikern zugute. Wer nicht direkt von den auftretenden Musikern eingeladen wird, bezahlt; das gilt auch für Journalisten und andere “zugewandte Orte”.

Geleitet wird der Club vom Saxophonisten, Komponisten und Produzenten John Zorn, seit den 80er Jahren einem der weltweit führenden Protagonisten der zeitgenössischen Jazz- und Experimentalmusikern, und eine der rührigsten Zentralfiguren der New Yorker Avantgardeszene. Sein Betriebskonzept ist radikal und radikal unkompliziert: Er stellt den Musikern den Raum zur Verfügung, um alles Übrige müssen diese selbst besorgt sein. Das ganze hauseigene Equipment besteht aus einem Flügel, einem Schlagzeug und einem Bassverstärker. Einmal im Monat spielen Zorn und befreundete Musiker zu einem Eintrittspreis von 25 Dollar, um die Miete einzuspielen.
Seit rund zwei Jahren übergibt John Zorn die Programmierung durchschnittlich einmal im Monat jeweils für zwei Wochen einem kleineren, meist amerikanischen Label aus der Indie- und Experimentalszene. Nach Winter&Winter aus Deutschland und Clean Feed aus Portugal ist Intakt das dritte europäische Label, das im Stone sein Programm vorstellen kann.

Christian Rentsch