INTAKT RECORDS – REVIEWS
Schaffhauser Jazzgespräche. Edition 2. Chronos Verlag
Herausgegeben von Patrik Landolt und Urs Röllin

 

 

Schaffhauser Jazzgespräche Edition 02 (Chronos Verlag) bündelt in Form von Vorträgen und Gesprächsrunden den Diskussionsstoff, der im Rahmen des Schaffhauser Jazzfestivals das Selbstverständnis und den Stand der Dinge der Schweizer Jazzszene zum Gegenstand hatte. Intaktmacher Patrik Landolt hat 2004-06 diese Veranstaltung organisiert, bei der Musiker, Veranstalter, Funktionäre, Multiplikatoren und Geldgeber sich die Köpfe zerbrachen über Swissness, Schweizer Kulturpolitik, Jazzförderung, Lobbying, Gagenelend etc. Der eine Komplex, der dabei umkreist wurde, ist der Paradigmenwechsel von Breiten- auf Spitzenförderung. Dass z.B. die Pro Helvetia nicht mehr nach Gießkannenprinzip verteilt, sondern statt dessen international vermarktbare Aushängeschilder von Jazz made in Switzerland beglückt wie Koch-Schütz-Studer und Lucas Nigglis Zoom. Dass Musiker sich mit 300 F-Gagen abspeisen lassen müssen, weil es einerseits ein Überangebot an Jazzschulabgängern und Doppelverdienern gibt und andererseits eine Nachfrage, die Events und bekannte Namen bevorzugt. Selbst im Zürcher Jazzclub Moods spielen unbekannte Schweizer Acts vor 12 Leuten. Omri Ziegele verlangt daher vehement Solidarität unter Kollegen, um sich für eine Umverteilung von Subventionen stark zu machen (wo Oper und Theater war, soll mehr Jazz werden). Das alte Lied. Jahrzehntelange 'Geschmacks-Bildung‘ lässt gerade das zahlungskräftige Publikum, auf das das Sponsering etwa der Credit Suisse abzielt, nach biederer Unterhaltung in entspannter Atmosphäre oder nach Events verlangen, bei denen man dabei gewesen sein muss. Das Selbstverständnis von Musik, die mehr sein will als Entertainment, steht dadurch vor der Zerreißprobe, ob dieser Mehrwert zu einer Nachfrage passt.

Dabei stehen Schweizer Jazzer bereits an sich vor der Frage, ob es sie überhaupt gibt. Sprechen sie etwas genuin (Afro)-Amerikanisches nur als Fremdsprache? Kopieren sie etwas, an dem ein Schweizer nicht wirklich 'mit dem Herzen‘ dabei sein kann? Legt diese Exzentrität und 'Fremdheit‘ nicht nahe, Wurzeln in der Schweizer Volksmusik zu schlagen, mit Gejodel und Alphorn an Heimatgefühle zu rühren und sich damit als Aushängeschild zu profilieren? Oder ist Swissness selbst bloß ein Konstrukt völkischer und nationaler Phantasmen des 19. Jhdts.? Aber ist dann der Jazz selbst nicht auch nur eine 'kulturelle Konstruktion‘? Eine Transferleistung von Heimatlosen, für die nicht lange Wurzeln, sondern schnelle Lern- und Mischprozesse ausschlaggebend sind? Jazz ein „Zollgrenzenverspotter und Läufer, der überall ist“ (J. Cortázar), ein Zigeuner, der in die Stadt kommt? 'Suiza non existe‘ und 'Beyond Swiss Tradition‘ springen über solche Fragen hinweg ins offene Überall, wie Christoph Merki bemerkenswert ausführt, wenn er den Jazz in der Schweiz als Teil einer globalen Lingua franca begreiflich macht. Joe Zawinul oder Irene Schweizer zeigen exemplarisch, dass individuelle Identitäten wichtiger sind, als dass die Ururoma aus Timbuktu kommt.
Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, Deutschland, August 2007

 

Schaffhauser Nachrichten, 15.5.07

 

 

Reiner Kobe, Jazzpodium, Juli/Aug 2007

 


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