INTAKT RECORDS CD-REVIEWS

TIM BERNE'S SNAKEOIL
THE DECEPTIVE 4 – LIVE

Intakt CD 358 / 2020

 

Nate Chinen, wbgo.org, Sept 14 2020 (EN)

 

O wie so trügerisch? Mit The Deceptive 4 (Intakt CD 358, 2xCD) greift TIM BERNE'S SNAKEOIL genau betrachtet hinter "The Fantastic Mrs. 10" zurück, denn es ist einesteils schon anderthalb Jahre zuvor am 1.12.2017 im Firehouse 12 in New Haven entstanden und andernteils sogar schon im November 2009 & Juni 2010 im Roulette bzw. IBeam in Brooklyn. Was Berne am Altosax mit Oscar Noriega an Klarinetten, Matt Mitchell am Piano und Ches Smith an den Drums 2017 offerierte, waren 1. das gerade auch im "Angel Dusk"-Duett mit Mitchell angestimmte 'Perception' und mit 2. 'Moornoats' und 3. 'Seven' Vorfor­men von 'Rolo' und 'The Amazing Mr. 7' von der phantastischen Studioscheibe dann mit noch Marc Ducret. Das Wechselspiel der beiden insistent bohrenden, hartnäckig tirilierenden Bläser und der kollektiv sich ergießende Flow erhalten, ohne Bass als verbindendem Element, ihre besonderen Akzentuierungen durch Mitchells pikante Klimperei, dezidierten Sprünge, ostinat auf der Stelle tretenden Töne oder spritzigen Cluster und von vorne weg durch Smiths Kolorierung und Rhythmisierung durch rollendes Pauken, kristalline Vibes, Gongschläge, klopfende Hand Drums und eisenhaltige Percussion. Gleich bei 'Perception' etwa mit donnerndem Gerumpel zu schädelspaltenden Altowellen. Wie wild es auch zugeht, Berne sorgt dafür, dass immer einer im Auge behält, wo's langgeht und die Schritte dorthin lenkt. Graduale Schritte, eilige Läufe, obsessives Kreiseln, rasantes Auf und Ab, und zwar alles zugleich, sind als Bewegungsabläufe bestechend choreographiert. Dazu erhöht das Hin und Her aus Verdichtung und Absonderung, wenn etwa Bassklarinette und Piano, Piano und Vibes, Vibes und Bassklarinette als Paare unter sich bleiben, den polymorphen Gesamteindruck, dass sich da ständig die Richtung ändert, sich Vektoren verzweigen oder, etwa bei 'Seven', veitstanzmäßig eindrehen. Der augenzwinkernd superheldenhafte Titel meint neben der Band womöglich auch den jeweils quasi viersätzigen Aufbau - im Firehouse 12 etwa Vivace | Misterioso, stringendo | Scherzo | Presto. Auf dem Programm der mit Schlangenöl gedopten Turbulenzen in Brooklyn standen entsprechend: 1. das unbändige 'OCDC' (das auf "Shadow Man" landen würde) als Blaupause von Bernes schwindelerregender, mit Caos Totale, Bloodcount und Big Satan entwickelter Science Friction. Mit 2. 'Spare/Città' ein Mix aus 'Spare Parts' & 'Simple City' (vom im Januar 2011 eingespielten Debut auf ECM), Adagietto, aber zunehmend belebt und mit markanten Zutaten von Smith, von fragilem Stabspiel bis zu polterndem Gewitter. Sowie 3. (ebenfalls von "Snakeoil") 'Scanners', Prestissimo als lang gezogener, auf der Zielgeraden verblüffend synchroner Sprint. Nur Konzertbesucher kannten somit bisher den jeweils vierten Streich: Das con brio treppauf-treppab eschernde 'Deception', das in einer stupenden Reiberei von Noriega und Smith gipfelt und sich immer noch weiter nach oben schraubt. Und das mit 21:25 breiten Raum erhaltende 'Hemphill', das Julius Hemphill ehrt, indem Berne an Studienmaterial seines Lehrmeisters ergänzend Hand anlegte und Hemphills Mysteries, Reflections und labyrinthischen Love Lines weiterspann, con spirito, giocoso.
Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, BA 108, 2020

 

Dan McClenaghan, All About Jazz, October 14, 2020

 

 

Gonçalo Falcão, JazzPt, Portugal, October 2020

 

Olaf Maikopf, Jazzthing Magazine, Nov 2020

 

S. Victor Aaron, somethingelsereviews.com, Nov 10 2020 (EN)

 

Bruce Lee Gallanter, Downtown Music Gallery, Nov 2020

 

 

 

Jürg Solothurnmann, Jazz'n'more, November-Dezember 2020

 



Franck Bergerot, Jazzmagazine, France, Décembre 2020-Janvier 2021

 

Udo Andris, Jazzpodium, Dez 20 - Jan 21

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