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 SYLVIE COURVOISIER - MARK FELDMAN
   
   TIME GONE OUT
   
   Intakt CD 326 / 2019

 

Die Pianistin SYLVIE COURVOISIER und der Violinist MARK FELDMAN bilden eine Ellipse, deren europäisch-amerikanisch und klassisch-jazzig akzentuierten Mittelpunkte sich oft so nahe kommen, dass man es für einen Kreis halten könnte. Über Namen wie Schostakowitsch und Schnittke, wie Geri Allen oder Cecil Taylor hinweg, den Courvoisier zuletzt nochmal bei "Six Encomiums for Cecil Taylor" bestätigt hat, ist ihre Music for Violin and Piano, wie sie sie von Anfang an so unprätentiös wie treffend nannten, immer ein Zwischen­ding, dessen Pole sich annähern, als ob sie sich küssen wollten. Egal ob 'Zorn'ig wie bei "Malphas" oder 'Messiaenesque' wie bei "Oblivia", ob zu dritt mit etwa Ikue Mori oder vierblättrig wie schon so oft auf Intakt, es bleibt eine intime Suche nach der blauen Blume (oder Perle), die bei Time Gone Out (Intakt CD 326) einmal mehr über die Grenzen des Nützlichen ('Limits of the Useful') hinaus strebt. Im spontanen Spiel wie auch bei 'Blind­spot', 'Blue Pearl' und dem so schön betitelten 'Homesick for Another World'. Oder mit mehr Bedacht, wie bei Courvoisiers 'Éclats for Ornette' und vor allem bei 'Time Gone Out' als labyrinthisch komplexem, stufenpyramidalem 20-Minüter. Ähnlich Feldmans 'Not a Song, Other Songs', das es über gut 10 Minuten vielfältig auszufalten gilt. Dass einem für sowas wie 'Cryptoporticus' neben dem Schlüssel auch die Worte fehlen, liegt in der kunstvollen Natur einer Sache, bei der schon die ersten voller Heimweh flageolettisierten, flimmernden und höchsten Töne sprachlos machen. Feldmans Violine erregt mehr als nur Aufsehen, wie sie sich da aus dem Kammerfenster schwingt wie Max Klingers räuberischer Flugsaurier. Wobei man nicht recht weiß, ob die Pianohiebe das stoppen oder noch anspornen wollen. Courvoisier geistert ja selber im Innenklavier oder klirrt und rumort zwischen quecksilbrig, drahtig und bleiern als Alchemistin, die zutiefst mit dem Wahn eines Erich Zann mitfühlen kann. Und erst recht mit Einem, der herzzerreißend auf der Tonleiter rumturnt und rumdüst bis ins spitzeste Altissimo. Ich höre da etwas zutiefst Romantisches schillern und schmachten, tröpfeln, sirren oder donnern. Etwas Phantastisches, in dem mir Johannes Kreisler, Paganini, Strawinskis barbarisches Frühlingsopfer oder auch Frankensteins von Geigenklang angezogenes Monster deutlicher vergegenwärtigt scheinen, als deren noch so reißerischer Abklatsch von Heute.

Rigobert Dittmann, Bad Alchemy 102, 2019

 

 

Kenny Inaoka, Jazz Tokyo, Nr. 252, April 2019

 

Florian Bissig, NZZ am Sonntag, May 19 2019

 

Jan van Leersum, Rootstime.be, May 2019

 

Ulrich Stock, Die ZEIT, 23. Mai 2019

 

Filipe Freitas, Jazztrail, June 12 2019

 

Nate Chinen, wbgo.org, June 10 2019

 

Delarue, New York Music Daily, June 10 2019

 

Eliot Lee Hazel, The New York Times, June 13 2019



Christoph Haunschmid, freistil, Juli-August 20

 

Steff Rohrbach, Jazz'n'More, Zürich, Juli-August 2019

 


Pascal Rozat, Jazzmagazine, Paris, Juillet 2019

 

J.D.Considine, Downbeat, Editors Picks, July 2019

 

Georges Tonla Briquet, Jazzhalo, The sound of the summer 2019, July 2019

 

Ben Taffijn, Draai om je oren, Jazz en meer, 11 Juli 2019

 

Hot Box, Downbeat, September 2019

 

Giovanni Russonello, Downbeat, September 2019

 

John Sharpe, The New York City Jazz Record, Aug 2019

 

Mike Shanley, jazztimes.com, July 5, 2019

 

Nazim Comunale, The New Noise Blog, Aug 01, 2019

 

Troy Dostert, All About Jazz, July 24, 2019

 

Philippe Méziat, Citizen Jazz, Sept 15 2019

 

Wolf Kampmann, Jazzthetik Magazine, Sept/Oct 2019

 

Chris Joris, Jazz&Mo Magazine, Sept 2019

 

Debra Richards, Jazzwise Magazine, Nov 2019

 

Pachi Tapiz, Tomajazz Podcast, Oct 14 2019

 

Holger Pauler, Jazzthetik Magazine, Nov 2019

 

Udo Andris, Jazz Podium Magazine, Nov 2019

 

Guido Festinese, Alias / il Manifesto, Nov 30 2019

 

Ben Taffijn, Jazz en Meer blog, Dec 9 2019

 

Luc Bouquet, Improjazz Magazine, Nov/Dec 2019

 

Troy Dostert, All About Jazz "Best of 2019", Dec 19 2019

 

John Sharpe, All About Jazz "Best of 2019", Dec 19 2019

 

 

 

Tor Hammerø, Nattavisen, January 2020

 

 

Pirmin Bossart, Jazznmore, März/April 2020

 

 



Manfred Papst über Sylvie Courvoisier, NZZ am Sonntag, 23. Feb. 2020

 

 

 

 

 

Von Ulrich Stock

Sie zu treffen, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln: Da müsste man schneller sein. Sie spielt zwar immer wieder irgendwo in der Nähe, fliegt dann aber gleich weiter. Auftritt an Auftritt, Kontinent an Kontinent, eine Schweizer Pianistin im Schwebezustand, zu ihren Füßen: die Welt.

So bleibt uns Skype; bloß schaltet sie die Kamera nicht ein. Sylvie Courvoisier, schöne 51, gibt vor, nicht präsentabel zu sein, morgens um neun, noch im Pyjama, in Brooklyn, während ihr Gesprächspartner sechs Stunden später in Europa am Schreibtisch sitzt, um ihr zunächst einmal zu gratulieren.

Sie hat jetzt diesen großen amerikanischen Preis gewonnen, den zweiten in zwei Jahren, und das ist schon eine Genugtuung, oder? Vielen Europäern gilt Jazz ja nach wie vor als eine zuvörderst amerikanische Musik. Und da zieht eine junge Pianistin aus der französischsprachigen Schweiz 1998 nicht nur mal eben nach New York, um sich in der Welthauptstadt des Jazz zu erproben. Nein, sie bleibt und bleibt und begeistert inzwischen Publikum wie Kuratoren in einem Riesenland, das an musikalischer Exzellenz keinen Mangel hat.

Der United States Artist Award, vergeben von einer gemeinnützigen Stiftung, honoriert "die überzeugendsten in den Vereinigten Staaten arbeitenden und lebenden Künstler in mehreren Disziplinen und in jeder Phase ihrer Karriere". Das ist vom Renommee her erste Liga; 50.000 Dollar gibt es obendrauf. Sylvie Courvoisier ist in den USA jetzt wirklich anerkannt.

"Neuerdings unterrichte ich auch", sagt sie vergnügt auf Englisch, weil Deutsch nie ihre Sprache war und Französisch nicht meine. Die New School, eine Kunsthochschule in Manhattan, habe sie gefragt, ob sie nicht eine Jazzklasse übernehmen wolle: "That makes me smile" – ausgerechnet sie, die noch nie eine Schule beendet habe! Ja, sie sei daheim in Lausanne auf dem Konservatorium gewesen, dreieinhalb, vier Jahre, sie weiß es gar nicht mehr genau, aber dann eben weg. Und nun soll sie Masterstudenten anleiten!

Amerikanern den Jazz nahebringen, wie macht sie das? Nun, es seien nicht nur Amerikaner, sagt sie, die Studierenden kämen von überallher, wunderbare boys and girls, aus Japan, Südkorea, Latinos auch. Sie versuche, wenig zu erklären, mehr anzustoßen: die richtige Art, eine Band zu leiten, oder wie sich Proben effektiv gestalten lassen. Alles Sachen, die sie für sich selbst herausgefunden hat im Lauf ihrer langen Karriere. Den Kurs gibt sie drei Stunden die Woche, wenn sie denn nicht grad unterwegs ist und sich von befreundeten Musikern vertreten lässt. Im Sommer soll es dann ein Album geben, auf dem sie selbst nicht zu hören sein wird.

Der Student am Schlagzeug sei sehr gut, erzählt sie, aber er würde keine Musik schreiben. Da habe sie ihm gesagt: Er könne statt einer Komposition doch auch eine Zeichnung oder ein Gedicht mitbringen. Und so hätten sie in seinem Fall ein Stück Lyrik zu Musik gemacht.

Als Sylvie Courvoisier vor zwei Jahren von der amerikanischen Foundation for Contemporary Arts ausgezeichnet wurde, beschrieb sie ihre Arbeitsweise so: "Ich bringe die Elektrizität freier Improvisation mit dem Strukturalismus geschriebener Komposition in die Balance. Ich vereine das präparierte mit dem nicht präparierten Klavier, dabei Lyrik und Geräusch, Jazz und Klassik, Elektronik und Akustik verwebend. Ich arbeite mit dem Kontrast dieser Klänge und gegen ihn an."

Das lässt sich knapper nicht sagen. Diese Pianistin weiß genau, was sie tut. Sie auf der Bühne zu erleben, ist etwas sehr Besonderes. "Sie swingt wie ein Teufel, wenn sie will", schwärmt Patrik Landolt von intakt, ihrem Zürcher Label – interessanterweise beugt sich im angehängten Halbsatz sogar der Beelzebub ihrer Entscheidung.
"Leuchtend", sagt Landolt, sei ihr Klavierstil, "wie dieses Lausanner Licht", das man am Ufer des Genfersees sehen könne, dieser schöne Blick übers Wasser in die französischen Alpen. "Und diese Weite. Bei Nebel hat man das Gefühl, am Meer zu sein."

Der Mann vom intakt-Label spürt in der Musik seiner nach Amerika ausgewanderten und weltweit auftretenden Künstlerin nach wie vor den Ort ihrer Herkunft. Lausanne, streng protestantisch, die große Arbeitsmoral, das Ethos. Die junge Sylvie habe rebelliert, sei sogar in eine WG gezogen, habe sich dann in den Jazz befreit. "Das war auch ein Ausbruch aus der Strenge von Lausanne!"

Erst vor ein paar Jahren hat sie sich auf die Trio-Formation eingelassen

Andererseits, lieber Patrik Landolt, hat sie die Strenge heute doch selbst, in ihrer Musik: als Form, die das Freie hält? "Sie hat sie aufgehoben", ruft er, der studierte Philosoph, "im hegelschen Sinn, drei Stufen höher!"

Die meisten der vielen Alben der Sylvie Courvoisier sind bei intakt erschienen. So ist das Schweizer Label ein Anker in ihrer planetaren Drift. Sie mag die neue, dritte Platte ihres Klaviertrios gerade in New York aufgenommen, gemischt und gemastert haben, herauskommen wird sie im Herbst in Zürich, von wo aus sie ihren Weg in die Welt nehmen wird.

Erst vor ein paar Jahren hat sie sich auf diese populärste Jazzformation eingelassen, die aus künstlerischer Sicht erhebliche Ansprüche stellt. Das Genre schlägt eine Brücke von der rituellen Trommel zum wohltemperierten Klavier. In der Mitte steht wie ein Pfeiler der Kontrabass, der es als Jagdinstrument (Pfeil und Bogen!) bis in die Kammermusik geschafft hat. Viele Klaviertrios machen denn auch Kammermusik. Ruhig, harmonisch, balladesk, "schön" im anführungsstrichigsten Sinne: Musik, die vor allem gefällig sein will.

Hört man zwei Dutzend solcher Pianotrio-Alben in Folge, treten die Schablonen des Genres deutlich hervor. Vieles wirkt uninspiriert, kalkuliert und in seiner Gleichförmigkeit entbehrlich.
Die Herausforderung für Musiker, die das Übliche nicht interessiert, liegt darin, mit diesem Standardsetting etwas Unerhörtes hervorzubringen. Sylvie Courvoisier gelingt das mühelos.
Sie paart bekannte Jazz-Idiome mit Effekten aus der Neuen Musik, von Ratschern im Korpus bis hin zu metallischen Präparationen und anschwellend-insistierendem Hämmern. Spannung, Gegensatz, Witz sind ebenso Merkmale ihrer Ästhetik wie Timing, Beat und Swing.

Die Kraft ihrer Musik stammt auch von ihren musikalischen Begleitern

D’Agala hieß 2018 die zweite Platte des Trios. Die New York Times zählte sie zum Besten des Jahres. Die New Yorker Village Voice hörte im Titelstück, benannt nach einem sizilianischen Rotwein, eine "gedankenvolle Anmischung erdig-weichen Komponierens und adstringierender Improvisation, alles aus einer gewissen Gegend New Yorks".

Der Musikblogger Tor Hammerø im hohen Norden Europas bescheinigte dem Trio einen "totalt grep om hele jazzhistoria fra tradjazz og boogie woogie til frijazz", was selbst jemand versteht, der kein Norwegisch kann. Gleiches gilt für die niederländische Website Opduvel, die fand: "Het Sylvie Courvoisier brengt avant-garde kamerjazz van uitzonderlijke klasse."

Woher stammt die Kraft dieser Musik? Sylvie Courvoisier verweist auf ihre Mitstreiter Drew Grass und Kenny Wollesen, die ihr an Bass und Schlagzeug weniger Begleiter sind als durchtriebene Gegenspieler. "Drew ist viel erdiger als ich. Kenny ist ein Zauberer, ein Poet; er versteht meine Musik wirklich. Es ist ein wahrer Luxus mit den beiden. Die Kompositionen sind zeitgenössisch, sehr komplex, aber wir versuchen, sie grooven zu lassen mit diesen schwierigen Rhythmen. Das macht sie zugänglich."

Das Trio spielt zu Beginn einer größeren Tournee am Samstag, dem 14. März, in Zürich, und Sylvie Courvoisier hat sich selbst eingeladen. Denn sie ist in diesem Jahr die Kuratorin in Residenz des taktlos-Festivals für grenzüberschreitende Musik. An drei Tagen präsentiert sie eigene Projekte und musikalische Vorlieben. Viele Musikerinnen und Musiker aus New York kommen in die Stadt, dazu einige aus der Schweiz. So ergibt sich eine Kombination, die dem Leben und Wesen der Kuratorin entspricht.

Deren Leben, daran erinnert sie im Gespräch, aus Musik und Musik und Musik besteht. "Ich mache nie Ferien, ich mache nur Musik." Verheiratet ist sie mit dem New Yorker Jazzviolinisten Mark Feldman, mit dem sie seit Jahrzehnten im Duo spielt, was sie auch beim taktlos tun wird. Ihre Ehe sei besonders und schön, zuweilen auch schwer, "weil die Musik immer da ist", über die man sich ja durchaus streiten könne. Manchmal kommen ihr dann Fluchtgedanken, aber nur für Momente, denn ein Leben ohne, das kann sie sich nicht vorstellen, überhaupt nicht, gar nicht, nein.

Das taktlos-Festival findet vom 12. bis 14. März im Kunstraum Walcheturm in Zürich statt. Das Sylvie Courvoisier Trio spielt am Samstagabend und geht anschließend auf Schweiz- und Europa-Tournee.


Ulrich Stock, DIE ZEIT Schweiz Nr. 11/2020, 5. März 2020

 

 

 


Brooklyn ist das neue Mekka für amerikanischen Jazz und Improvisation.
Was Zürich mit dem New Yorker Stadtteil verbindet 

Die Schweizer Pianistin Sylvie Courvoisier bringt die avanciertesten Jazzklänge über den grossen Teich und ans Taktlos-Festival.


Christoph Wagner


Was den amerikanischen Jazz angeht, spielt momentan in Brooklyn die Musik. Der New Yorker Stadtteil hat sich seit der Jahrtausendwende zu einem Mekka für improvisierte Klänge entwickelt. Wegen der hohen Mieten zogen Dutzende von Jazzmusikern von Downtown Manhattan in die noch erschwinglichen Wohnviertel auf der anderen Seite der Brooklyn Bridge. Hier haben sie inzwischen eine Szene geschaffen, die international tonangebend ist. Wohl nirgends auf der Welt ist die Dichte an improvisierenden Musikern grösser als in Quartieren wie Downtown Brooklyn, Brooklyn Heights oder Crown Heights.

Dabei reicht die Magnetwirkung bis nach Europa: Auf der Suche nach dem heiligen Gral des Jazz haben auch zahlreiche Künstler aus Deutschland, Italien, den Niederlanden oder der Schweiz in Brooklyn Quartier bezogen. Ein Netz unterschiedlicher Auftrittsorte – oft von Musikern selbst betrieben – bildet die Infrastruktur. Ihre Grösse variiert: vom Avantgarde-Zentrum «Roulette» mit 400 Sitzplätzen bis zu winzigen Konzerträumen wie dem «I-Beam» oder «The Owl», die bloss ein paar Dutzend Zuhörer fassen.

Zu Fuss zum Konzert
In diese Kategorie gehört etwa das Konzertlokal «Seeds» im Brooklyner Stadtteil Prospect Heights, das vom Saxofonisten Ohad Talmor betrieben wird, der ursprünglich aus Genf stammt. Selbst der Avantgarde-Guru John Zorn hat seinen berühmten Auftrittsort «The Stone» 2019 von der Lower East Side Manhattans in die Brooklyner Kunstgalerie «happylucky no. 1» verlegt, wo jetzt vor einer Kulisse von rund 120 Zuhörern seine hochkarätige Konzertreihe weitergeführt wird. Während Jazzmusiker sonst oft sehr weite Anfahrtswege zu Gigs in Kauf nehmen, ist in Brooklyn die Szene so engmaschig gestrickt, dass man zu Fuss zu einem Auftritt oder einer Probe gehen kann.
Die Lausanner Pianistin Sylvie Courvoisier hat 1998 den Sprung über den grossen Teich gewagt und sich in Brooklyn niedergelassen, wo sie mittlerweile zu den profiliertesten Improvisatorinnen zählt. Immer wieder tritt die Emigrantin mit Schwergewichten wie dem Saxofonisten John Zorn oder dem Gitarristen Nels Cline (von der Rockgruppe Wilco) auf und ist auch schon mit der Star-Elektronikerin Laurie Anderson auf der Bühne gestanden. Auch mit Kolleginnen wie der Saxofonistin Ingrid Laubrock oder der Gitarristin Mary Halvorson realisiert die Klaviervirtuosin regelmässig Projekte.

Ihr engster Mitarbeiter jedoch ist ihr Ehemann Mark Feldman, der renommierte Geiger und Komponist. Geschult in der Klangwelt der Zweiten Wiener Schule, spüren die beiden seit Jahren in unterschiedlichen Besetzungen den Überschneidungen von modernem Jazz und neuer Konzertmusik nach.

Dazu kommt Courvoisiers eigenes Trio, das stärker aus der Jazztradition schöpft und mit kantigen Akkorden, vertrackten Melodien und pulsierenden Rhythmen an Thelonious Monk, Bill Evans und Cecil Taylor anknüpft. «Ich arbeite mich an der Jazzgeschichte ab», sagt die Pianistin. «Wenn man Jazzpiano spielt, landet man irgendwann bei der Triobesetzung – eine wunderbare Konstellation. Man kann spielen, was man will. Es gibt keine Grenzen. Es ist wie Fliegen.» Als diesjährige Kuratorin des Zürcher Taktlos-Festivals bringt Courvoisier jetzt etliche ihrer Brooklyner Freunde in die Schweiz.

Anfangs tat sich Courvoisier in der grossstädtischen Umgebung von Brooklyn noch schwer. Sie vergrub sich in ihrer Wohnung und vertiefte sich ins Üben und Komponieren. Doch mehr und mehr ergaben sich Kontakte. Jeden Abend besuchte sie ein anderes Konzert, nahm an Sessions teil und lernte Musiker und Musikerinnen kennen.

«Brooklyn ist zur Heimat geworden – hundert Prozent», versichert die Pianistin heute. «Es ist einfach ideal hier. Ich habe ein Klavier und ein Schlagzeug zu Hause, um in meiner Wohnung Sessions zu veranstalten und neue Kompositionen auszuprobieren.» Viele Musiker wohnten gleich um die Ecke – unter ihnen etliche junge, die am Anfang ihrer Karriere stünden und noch selten unterwegs auf Tourneen seien. «Da genügt ein Anruf, und sie machen sich auf den Weg zu einem Hauskonzert, ob zu Fuss, mit dem Fahrrad oder der Subway, und sind in ein paar Minuten da.»

Einer der Kollegen, den Courvoisier besonders schätzt und mit dem sie immer wieder zusammengearbeitet hat, ist der Pianist Cory Smythe. Im vergangenen Jahr haben die beiden an zwei Flügeln zum Beispiel Strawinskys «Le Sacre du Printemps» aufgeführt. Ursprünglich kommt Smythe aus der klassischen Musik, wo er sich als Begleiter der Star-Violinistin Hilary Hahn einen Namen gemacht hat – Grammy eingeschlossen.

Seit ein paar Jahren aber wendet sich der Pianist verstärkt der improvisierten Musik zu; so hat er sich bereits im Trio des Schlagzeugers Tyshawn Sorey profiliert. Daneben hat Smythe mit Ingrid Laubrock und Stephan Crump (Bass) zwei hochgelobte Alben eingespielt, auf denen er die Kunst des Spiels mit dem präparierten Klavier pflegt, das einst von John Cage in die Welt gesetzt wurde.

Die Kreditkarte als Instrument
«Das Klavier ist eigentlich ein langweiliges Instrument», meint er lapidar. «Man kann bloss die Tasten anschlagen und den Ton nur bedingt beeinflussen. Um diesen Mangel auszugleichen, nutze ich das Innere des Flügels, um neue Klänge zu erzeugen, indem ich etwa mit einer Kreditkarte über die Saiten fahre. Oder ich verwende elektronisches Equipment, mit dem ich den Nachhall der Töne formen, modellieren und gestalten kann.» Smythe ist im Moment etwas rastlos, weil in Zürich sein erstes Solokonzert seit zwei Jahren ansteht und er mit der Elektronik ein neues Konzept präsentieren will, über dessen genaue Form er sich aber noch nicht ganz im Klaren ist. Sylvie Courvoisier hat ihn ausdrücklich dazu ermuntert.

Taktlos-Festival: Zürich, Kunstraum Walcheturm, 12. bis 14. März. www.taktlos.com

 

Christoph Wagner, NZZ, 10. März 2020

 

 

 

 

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