INTAKT RECORDS – CD-REVIEWS
KUKURUZ QUARTET
JULIAS EASTMAN PIANO INTERPRETATIONS
Intakt CD 306 / 2018

 

 

Claude loxhay reviews kukuruz quartet

Claude Loxhay, Jazz Halo, June 2018

 

Wenn mit Musik wie der seinen Geld zu machen wäre, würde Julius Eastman (1940-1990) gefeiert wie Jean-Michel Basquiat. Mit 'If You're So Smart, Why Aren't You Rich?' (1977) hat er das selber schon ironisiert. So aber ist er nur ein Schwarzer, der drogensüchtig und obdachlos verkommen ist und in Vergessenheit geriet. Dabei hat er 1970 die denkwürdige erste Einspielung (bei Nonesuch) von Peter Maxwell Davies' "Eight Songs for a Mad King" gesungen und mit Meredith Monk "Dolmen Music" und "Turtle Dreams". Er hat mit Petr Kotik das S.E.M. Ensemble gegründet und damit auch eigene Kompositionen aufgeführt. Aber seine nackt-schwule Performance von John Cages "Songbooks" 1975 in Buffalo machte Skandal, und Cages Verdikt, sein Ego sei homosexuell fixiert, machte ihn zur Persona non grata im durchaus selber schwulen Avantzirkel. Er zog sich trotzig den Schuh an, sah sich selber sarkastisch als "eine Art talentierter Freak" in der Nachfolge des schwarzen Pianisten & Komponisten Thomas Wiggins (+1908), der bei Barnum als Zirkus­sensation aufspielte, und provozierte damit, dass er seine Stücke 'Nigger Faggot', 'Dirty Nigger', 'Crazy Nigger' taufte. There are 99 names of Allah, and there are 52 niggers, als Hoffnungsträger einer kommenden musikalischen PLO. Während aber Reich, Adams und Glass via Nonesuch zu Ruhm gelangten, verschwand Eastman im toten Winkel. Erst seit einigen Jahren läuft eine Wiedergutmachung: "Unjust Malaise" (New World Records, 2005) brachte Eastman im O-Ton, 2015 erschien eine Biographie, seine Musik wird wieder gespielt, sogar von DJ/rupture, sogar - kleine Welt - von den Horse Lords, die 'Stay on It' (1973) performten. 2017 und 2018 erklangen seine Stücke auch bei der Maerzmusik in Berlin. Und bei der documenta 14 griff das Schweizer KUKURUZ QUARTET in die Tasten, das sich auf Eastmans Musik für vier Pianos spezialisiert hat. Piano Interpretations (Intakt CD 306) bietet 'Evil Nigger' (1979) als trillernd fluktuierenden Ozean mit dem wieder­kehrenden melodischen Diktat B-A-F#-E-D-A-B, bis hin zu einem von Donnerschlägen be­wirkten Zusammenbruch zur kleinlaut-zagen Elegie. Davor lassen sie bei 'Fugue no. 7' (1983) das Bimbam von Glocken anklingen, die Eastmans spirituelle Wende in den 80ern andeuten, durchsetzt mit dunkel krachenden Clustern. Und sie greifen für noch einmal panreligiöse Schwingungen bei 'Buddha' (1984) in die Saiten, so pianissimo, dass dieses Flimmern als Stille erscheint, die an der Hörschwelle knarrend andunkelt, drahtig vibriert, dabei von einigen wenigen Tropfen bepingt wird und in dieser Quasistille bis zum Ende verharrt. Eastmans Musik ist aufgrund ihrer oft vagen Notation freilich so interpretations­abhängig, dass 'Buddha' aus den Mündern des Sotto Voce Vocal Collectives nicht das gleiche, ja nicht einmal dasselbe zu sein scheint. 'Gay Guerrilla' (1979) hebt in ein-zwei-fingriger Monotonie an und weitet sich aus auf einem Bassdrone, mit kleinen Wechsel­schritten, in Halbtönen changierend, regnerisch tröpfelnd, achthändig an- und abschwel­lend, unablässig repetitiv mit einem immer wieder gehämmerten Dreiklang. Crescendie­rend fächern sich die vier Händepaare kanonartig auf, eines diktiert im dröhnenden Wirbel "Eine feste Burg ist unser Gott", bis es gedämpft in die Tiefe geht, aber zuletzt trillernd und in immer neuen Wellen doch nur noch treppauf und auf und aufwärts. [BA 98 rbd]

Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, BA 98, 2018

 

Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius, Jazzthing, May 2018

 

 

 

 

 

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