INTAKT RECORDS – CD-REVIEWS
JAZZ IN ZÜRICH
Intakt Double CD 099


 

Von Antolini zu Archetti

Stadtpräsident Elmar Ledergerber lœdt am Unerhört-Festival kommenden Samstag zur CD-Taufe in die Rote Fabrik.
Von Frank von Niederhœusern


Exakt 70 Jahre sind vergangen, seit Louis Armstrong in der Tonhalle aufspielte und das kulturelle Zürich in zwei Lager spaltete. Galt Jazz dem etablierten Musikbetrieb damals als subversive Abart, so erhœlt er nun den magistralen Segen. Begeistert von Ausstellung und Buch «Jazzstadt Zürich» (2003), hat Stadtpräsident Elmar Ledergerber angeregt, als Ergänzung eine klingende Dokumentation nachzureichen, die Geschichte und Gegenwart der lebendigen Zürcher Jazzszene dokumentieren soll.

Keine leichte Aufgabe für die beiden Kuratoren Patrik Landolt (WoZ-Redaktor und Leiter von Intakt-Records) und Nick Liebmann (NZZ-Jazzkritiker und Jazzdrummer), die angesichts der monströsen Quellenlage nicht anders konnten, als den Mut zur Auslassung aufzubringen. So dokumentiert «Jazz in Zürich» zwar die Geschichte seit 1945, legt das Schwergewicht aber hörbar auf die Vielfalt der aktuellen Szene, die sich zwischen Mainstream und freier Improvisation, zwischen «Widder Bar», «Moods» und «WIM» abspielt.

Aushœngeschilder wie Exoten
Im historischen ersten Teil des Doppelalbums erklingt die Entwicklung der letzten 60 Jahre anhand unvergesslicher Namen von Eddie Brunner und Elsie Bianchi über Charly Antolini und das Metronome Quintet bis zu Remo Rau und der DRS-Big-Band. Die zweite CD steigt Mitte der 1980er-Jahre ein und präsentiert nebst den internationalen Aushœngeschildern Irène Schweizer, Pierre Favre und Harald Haerter auch «local heroes» wie Co Streiff und Stephan Wittwer oder «Exoten» wie Christoph Gallio oder Luigi Archetti.

Besonderes Augenmerk legten Landolt und Liebmann auf Musikschaffende aus aller Welt, die sich im «hippen» Zürich niederliessen: von Dollar Brand und Klaus Koenig bis zu Marianne Racine und Peggy Chew. Hintergrundinformationen zu allen 32 Aufnahmen gibts im ausführlichen Booklet.

Diverse: Jazz in Zürich (Intakt Records/Präsidialabteilung der Stadt Zürich). 2 CDs,CD-Taufe am Samstag ab 18 Uhr in der Roten Fabrik.
Frank von Niederhäusern© Tages-Anzeiger; 24.11.2004; Seite 59 Kultur

 

 

 

 

Jazz in Zürich
Im Sommer 2003 war im Stadthaus die Ausstellung «Jazzstadt Zürich» zu sehen; ein Buch gleichen Titels begleitete sie. Der Veranstaltung fehlte jedoch eines: die Tonspur. Sie wird nun auf einer trefflichen Doppel-CD nachgeliefert. Intakt Records und Präsidialdepartement haben sie produziert, Patrik Landolt und Nick Liebmann die Auswahl der 32 Titel besorgt. Sie setzt mit «Some Sausage» von Eddie Brunners «Original Teddies» im Jahr 1945 ein und führt mit Nik Bärtschs «Modul 20» bis in die Gegenwart. Der Querschnitt präsentiert sowohl Musiker, die aus Zürich stammen, als auch solche, die hier heimisch geworden sind: Schliesslich verdankt die Szene ihre Lebendigkeit dem Umstand, dass sie Impulse von Südafrika (Dollar Brand) bis Schweden (Marianne Racine) und China (Peggy Chew) verarbeitet.
Manfred Papst © NZZ am Sonntag; 28.11.2004

 

 

SWR
Jazzfacts
Sendedatum: 04.03.05.04
Sendezeit: 22.05 bis 22.50 Uhr
Thema: Jazz in Zürich
Autor Bert Noglik

Hinweis für die Anmoderation:
In den letzten Jahren sind zahlreiche Studien veröffentlicht worden, die sich aus regionalhistorischer Sicht mit der Entwicklung des Jazz in einzelnen Städten beschäftigten und sich zunehmend zu einem Mosaik der europäischen Jazzgeschichte zusammenschließen. Auf dem Schweizer Intakt-Label erschien unlängst eine zwei CDs sowie ein ausführlich kommentierendes Booklet umfassende Anthologie mit dem Titel „Jazz in Zürich“. Bert Noglik hat sich mit der Dokumentation beschäftigt und dazu auch Patrik Landolt, einen der beiden Herausgeber, befragt.

CD Jazz in Zürich
CD 1 Track 1: Eddie Brunner and His Original Teddies: Some Sausage
Teddie Staufer mit seinen “Original Teddies”, aufgenommen 1945 in Zürich. Bereits in den zwanziger Jahren hatte das Jazzfieber die Schweiz erreicht. Eine eigenständige Ausformung der vor allem durch Konzerte und Tourneen afroamerikanischer Musiker vermittelten Einflüsse, setzte jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Patrik Landolt, Redakteur der Wochenzeitung und Leiter des Intakt-Labels, der gemeinsam mit seinem Kollegen Nick Liebman von der Neuen Züricher Zeitung, für das Konzept der Dokumentation „Jazz in Zürich“ verantwortlich zeichnet, ging es darum, nicht nur stilistische Einschnitte, sondern auch organische Wachstumsprozesse aufzuzeigen.
O-Ton Patrik Landolt (1) 0’24”
Das war uns eigentlich ganz wichtig. Die Übergänge ## sind ja fließend. Und es gibt ja auch Musiker oder Musikerinnen, die für mehrere Stile stehen, ## wie die Größen im Jazz ja auch, die ## vom klassischen oder sogar vom ganz traditionellen Jazz in die Moderne hineingewachsen sind und sogar die Moderne dann geprägt haben, und ## zeigt die CD auch auf eine interessante Weise auch auf.“
CD 1 Track 3: Hans Kennel Quintet: When Will The Blues Leave
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1963. Der Trompeter Hans Kennel mit seinem Quintett, stilistisch noch am Hardbop orientiert, doch mit der Hinwendung zu Stücken von Ornette Coleman bereits danach strebend, dem Jazz neue Freiheiten zu erschließen. Das frühe Quintett um Hans Kennel, der sich später einer zeitgenössischen Jazz-Folklore-Fusion zuwandte, bezeichnet Patrik Landolt als eine Band, typisch für die Musik, die in den sechziger Jahren im Züricher Café „Africana“ gespielt wurde, ein Ort, der seine Inspiration vor allem südafrikanischen Immigranten verdankte.
O-Ton Patrik Landolt (2) 0’13”
“In diesem Ort fand dann die Öffnung, nicht zuletzt auch angeregt von den südafrikanischen Musikern wie ## Dollar Brand und vielen anderen, fand dieses Öffnung statt. ## Und das geht dann weiter, das wurde dann weiter geführt mit Iréne Schweizer.“
Die Pianistin Iréne Schweizer, beeindruckt von den Klangbildern neuer Musik und den Spielexzessen eines Cecil Taylor, hat im Züricher Café „Africana“ etwas von der musikalischen und menschlichen Widerstandskraft der Südafrikaner aufgenommen und auch später immer wieder gern mit südafrikanischen Musikern zusammengespielt, so hier in einer Aufnahme mit dem Schlagzeuger Louis Moholo.
CD 2 Track 1: Iréne Schweizer/Louis Moholo: Seventh Day
Iréne Schweizer zählt zu den prominenten Protagonistinnen der Schweizer Improvisationsmusik. Sie war die erste Jazzmusikerin, die mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde – ein Preis, den der Perkussionist Pierre Favre Ende vergangenen Jahres zugesprochen bekam, eine Auszeichnung, die Patrik Landolt letztlich auch als Anerkennung der vielfältigen Aktivitäten einer Szene wertet.
O-Ton Patrik Landolt (3) 0’25”
“Es braucht immer einen Humus, und ich glaube, das Bewusstsein ist heute viel größer geworden, dass zu einer Szene gehören Veranstalter, es gehören Klubs, es gehören Musikschulen, es gehören Verleger, es gehört ein ## Netz von ## agierenden, interagierenden Personen zusammen, und auf diesem Humus können dann einzelne Figuren wirklich zur Größe auflaufen.“
Jazzszene Zürich heute – das sind improvisierende Musiker, Musikerinnen wie Iréne Schweizer und Pierre Favre, Christoph Gallio und Co Streiff, Klangexperimentatoren wie Stephan Wittwer, Gruppenarchitekten wie Lucas Niggli und ethnische Substanzen einbringende Musikerinnen wie die aus China stammende Peggy Chew oder die turkmenisch-kasachische Sängerin Saadet Türköz.
O-Ton Patrik Landolt (4) 0’25”
“Die Szene ist heute geprägt durch eine riesige Vielfalt in Zürich. Es wird an allen Ecken und Ende wirklich geforscht und gespielt und experimentiert. Es gibt traditionellen Free Jazz, es gibt experimentelle Formen in den Bereichen Rock, auch in die Folkmusik hinein. ## Dann gibt’s sehr viel im Bereich von Elektronik. Die Schweiz hat immer schon eine elektrische, eine elektronische Szene gehabt, ## das gibt’s auch ## viele Musiker, Musikerinnen, die in diesem Bereich aktiv sind.“
Das in Zürich beheimatete Trio „Karl ein Karl“ beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit Klängen im Schnittbereich von improvisierter Musik, Electronica, Klang- und Sprachexperimenten.
CD 2 Track 4: Karl ein Karl: L’art est le dieu lare des mangeurs de lard
Jazz in Zürich gibt auf zwei CDs mit insgesamt 32 sorgfältig ausgewählten Beispielen einen Einblick in die Klangwerkstätten einer Stadt mit einer hohen kreativen Dichte musikalischer Innovationsbestrebungen. Trotz persönlicher Präferenzen der Herausgeber ist ein Klang-Kaleidoskop entstanden, das auf der Nähe zu den musikalischen Prozessen aufbaut und sich von der faszinierenden Vielfalt der Szene leiten lässt. Und so finden denn auch Musiker und Strömungen Berücksichtigung, die eine an einem konventionellen Jazzbegriff orientierte Anthologie ausgeklammert hätte, beispielsweise der Komponist, Musik-Performer, Klangforscher und Elektroniker Luigi Archetti.
CD 2 Track 18: Luigi Archetti – Jan Schlegel: Rhodochrosit


 



Trouvaillen und Lücken
Das Doppelalbum «Jazz in Zürich»

Mit freundlicher Naivität mögen Aussenstehende denken, beim Doppelalbum «Jazz in Zürich» handle es sich um eine harmlose, erfreuliche, den Gemeinsinn fördernde Angelegenheit. Weit gefehlt! Weltweit streiten Traditionalisten, New-Jazzer, Frei-Improvisierende um das Erbe dieser musikalischen Tradition. Just in dieser Vielfalt liegt das Faszinosum des heutigen Jazz und der Zürcher Jazzszene. Traditionalisten spielen im «Gig», die Werkstatt für improvisierte Musik ist ihnen ästhetisch so suspekt wie den Musiker-Veranstaltern des Festivals «unerhört!» Jazzkonzerte in der Tonhalle. Als melting pot fungiert zwar der städtische Jazzklub Moods - auch hier ist das Programm aber immer wieder umstritten.
Vom Album mit dem Titel «Jazz in Zürich» erwartete man eigentlich, dass es der künstlerisch ergiebigen Mehrstimmigkeit gerecht würde - zumal es vom städtischen Präsidialdepartement in Zusammenarbeit mit dem Label Intakt Records herausgegeben wird (in einer limitierten Ausgabe). Die beiden CD sind nun recht unterschiedlich konzipiert. Die erste, von NZZ-Jazzkritiker Nick Liebmann zusammengestellt, dokumentiert gleichsam das Mittelalter und die Neuzeit der Zürcher Jazzgeschichte (seit 1945). Hier finden sich Aufnahmen von Altstars wie Eddie Brunner, Charly Antolini, Buddha's Gamblers, Alex Rohr oder Bruno Spoerri. Vertreten sind sodann auch internationale Grössen wie der südafrikanische Pianist Dollar Brand, die die Zürcher Szene nachhaltig beeinflusst haben. Schliesslich werden echte Trouvaillen geboten: etwa Aufnahmen der Sängerin Elsie Bianchi-Brunner.
Von der stilistischen Ausrichtung her problematischer erweist sich die zweite CD; sie ist weitgehend von Patrick Landolt zusammengestellt worden und widmet sich dem zeitgenössischen Jazz. Wenn man sich das Menu der 19 Stücke anschaut, kann man sich die verkniffenen Gesichter all jener Musiker vorstellen, die nicht berücksichtigt wurden. Offensichtlich hat sich der Intakt- Chef Landolt entschieden, einen Schwerpunkt auf die Klangkunst zu setzten, die auch den Katalog seines Labels dominiert. So hat er vorab Musiker ausgewählt, die sich, an avantgardistischen Idealen festhaltend, von Free Jazz, freier Improvisation, zeitgenössischer Klassik und spartenübergreifenden ästhetischen Diskursen inspirieren lassen. Das ist insofern nachvollziehbar, als sich gerade in dieser Zone Zürcher oft profiliert haben, die hier vertretenen Irène[100] Schweizer[100], Pierre Favre, Lucas Niggli beispielsweise.
Insgesamt ist diese zweite CD musikalisch zwar spannend. Aber die heutige Jazzstadt Zürich repräsentiert sie nicht. Obwohl auch Musiker zu hören sind, die die Tradition pflegen (z. B. Nat Su, Chris Wiesendanger, Marianne Racine), weist «Jazz in Zürich» grosse Lücken auf. Einige bleiben trotz der Tatsache irritierend, dass die Selektion bei solchen Projekten immer willkürlich sein muss. - Musiker unter vierzig Jahren findet man auf dieser Doppel-CD kaum, und unter dreissig Jahren scheinen Zürcher generell keinen Jazz zu spielen. Dass derzeit verschiedenste Musiker eine Brücke zur Elektronik zu schlagen versuchen, ist ebenso ignoriert worden wie die Inspirationsquellen Funk, Rock, Salsa. Nicht nur der Bassist Herbie Kopf und der Saxophonist Christoph Grab, die in den letzten Jahren als Instrumentalisten und Bandleader eine integrierende Rolle spielten im Jazz-Kuchen, wurden übergangen. Vergebens sucht man auch Aufnahmen des Drummers Jojo Mayer und des Saxophonisten Daniel Schnyder, die sich auf internationalem Parkett einen guten Namen gemacht haben. - Man könnte das Name- Dropping problemlos fortsetzten, bis das Mass voll wäre für eine weitere CD. Da scheint es eigentlich angebracht, «Jazz in Zürich» ein Volume II hinterher zu schicken.
Ueli Bernays, © Neue Zürcher Zeitung; 16.12.2004

 

 

 

Szene mit Stars und Lücken
Eine CD-Box hat den Anspruch, die Zürcher Jazz-Szene akustisch abzubilden. Das gelingt jedoch nur teilweise.
Wie zwei Kobolde fallen sie in virilem Zweikampf übereinander her, die Posaune und das Piano. Sie umgarnen sich und weichen dann doch wieder auseinander, um erneut auf Konfrontation zu gehen. Keiner, der sich den Track zwölf der zweiten CD hört, würde glauben, dass zwei Frauen dahinter stehen. Das macht erst der Titel «Weibs» klar. Priska Walls und Gabriela Friedli, beide um die 40, gehören zur Avantgarde der Zürcher Musikerinnen im Spannungsfeld der freien improvisierten Musik zwischen Klassik und Jazz. Eine Musik, die kaum je im Rampenlicht steht.
Und genau das ist der Zweck solcher Kompilationen: Sie erreichen Hörer, die dieser Musik wohl nie begegnen würden. Patrik Landolt und Nick Liebmann, zwei mit der aktuellen Szene eng verbundene Publizisten, sind für die gelungene Auswahl verantwortlich. Sie beginnt 1986 mit der afrikanisch rollenden Komposition «Angel» von Irene Schweizer und Louis Moholo und endet 2003 mit Nik Bärtsch und seiner «Ritual Groove Music», wie er die durch «strenge Komposition, Reduktion, Patternstrukturen sowie Auslotung der rhythmischen Parameter» geprägte Musik nennt.
Bekannte Avantgarde
Insgesamt öffnet sich ein weites Spektrum aus neunzehn meist kurzen Kostproben von Zürichs aktueller Szene. Naturgemäss steht die Avantgarde mit Namen wie Pierre Favre, Christoph Gallio, Co Streiff, Markus Eichenberger oder Urs Voerkel im Vordergrund, aber auch traditionellere Musiker wie Nathanael Su.
Weniger straff und damit nicht ganz so befriedigend wirkt die erste CD der Box, die der Frühzeit und dem Mittelalter gewidmet ist. Hier ist die abzudeckende Periode dermassen gross, dass strikteres Vorgehen Not getan hätte. Angesichts der Tatsache, dass die epochale CD-Box «Jazz in Switzerland 1930-1975» (Elite) immer noch erhältlich ist, sind die sich daraus ergebenden Doubletten ebenso unverständlich wie die teilweise langen Aufnahmen. So finden bloss 13 Tonbeispiele Platz.
Wichtige Abwesende
Schmerzlich vermisst man etwa die Tremble Kids, die bekannteste Trad-Band der Schweiz, das Zürcher Urgestein Fred Boehler und den internationalen Topstar Daniel Schnyder (ja, auch er ein Zürcher!). Schlicht unerklärlich schliesslich die totale Abwesenheit von André Berners internationalem Amateur-Jazz-Festival, das ab 1951 einen seither nie mehr erlebten Motivationsschub für den Jazz ausgelöst hat. Dem Anspruch «Jazz in Zürich» vermag das Album darum nicht ganz zu genügen. Trotzdem ist es, nicht zuletzt auch wegen der kompetenten Begleittexte, eine sehr empfehlenswerte Anschaffung für all jene, denen die aktuelle Szene am Herzen liegt.
Ulrich Roth, © Berner Zeitung; 24.12.2004

 

 

 

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Zurich en deux galettes : un survol historique suivi d'un panorama de la scène contemporaine. La chronologie très décousue du premier disque commence tardivement avec les Original Teddies du clarinettiste Eddie Brunner (1945) pour passer directement aux années soixante, faisant ainsi l'impasse sur la décennie intermédiaire puis sautant presque à pieds joints sur les années soixante-dix. On y croise notamment Hans Kennel, aujourd'hui spécialiste du cor des Alpes, en un temps où il boppisait la musique d'Ornette à la trompette, un extrait de "African Piano" de Dollar Brand (ECM, 1969), lrène Schweizer en disciple appliquée de McCoy Tyner en 1964, le ténor vvebsterien d'Ernst Gerber sur The Man I Love, Benny Bailey négociant Stella comme on gagne un grand prix de Formule un, les big bands de Charles Antonioli et de la radio DRS, les formidables Buddha's Gamblers dont le trompettiste Heinz Bühler et le pianiste Buddha Scheidegger réjouiront les nostalgiques de la période pré-bop.

Le second disque propose une diversité encore plus grande, du néo-classicisme énoncé par le saxophoniste Nathanael Su et le pianiste Fredi Lüscher à l'électro experimental de Karl ein Karl, en passant par les "saxophones post médiévaux" de Pierre Favre (cf. chronique de "Saxophones" dans notre numéro de janvier). Influence d'Irène Schweizer sur les vocations suisses? On remarque des femmes instrumentistes d'envergure: la saxophoniste Co Streiff, la pianiste Gabriella Friedli et la tromboniste Priska Walls. Souvent radicale, cette Suisse-là est ouverte au monde, accueillant plus ou moins durablement le Sud-Africain Louis Moholo (en duo avec Irène Schweîzer), l'Américain Mark Turner (dans un enregistrement, il est vrai, newyorkais d'un ancien élève de la Juilliard, le pianiste Chris Wiesendanger), le Français Erik Truffaz (avec le guitariste Harald Haerter), le chanteur anglais Phil Minton (avec le Zoom Ensemble de Lucas Niggli), la chanteuse kazakh Saadet Türkôz (en duo avec Joëlle Léandre) et la chinoise Peggy Chew (en duo avec le pianiste Andrian Frey) ... Ces deux points de vue zurichois auraient mérité des publications distinctes et plus étoffées.
Franck Bergerot, Jazzman, Paris, Janvier 2005. Distribués par Orkhêstra


"Jazz stands for innovation, open mindedness and joy of life.. In Zurich jazz has been played and listened to since the thirties of the 20th century and especially during the last years an interesting and internationally active jazz scene has developed here. Jazz is contributing to the attractiveness and vitality of our city. Oftentimes forms of art that address a minority are the ones that send out new creative impulses and that contribute the most beautiful colours in the mosaic of a manifold cultural life. The CD 'Jazz in Zurich' is an adventurous journey through Zurich's jazz history. It mirrors aesthetic developments and also sheds light on social change. If you listen to the recordings of Elsie Bianchi-Brunner, Dollar Brand, Charly Antolini, Irene Schweizer, Pierre Favre or Co Streiff you will discover a fantastic cosmos, rich in styles, forms of expression, biographies and life experiences. I would like to express my gratitude to all the musicians and the entire jazz scene for this wonderful music that accompanies us and enriches our lives." - Intakt quote from Elmar Ledergerber, Mayor of Zurich, Switzerland.
The line-up features: Dollar Brand - African Piano, Hans Kennel Quintet, Irene Schweizer-Louis Moholo, Lucas Niggli Zoom Ensemble, Pierre Favre, Benny Bailey und Jazz Live Trio, Urs Voerkel, Co Streiff Sextet, Stephan Wittwer, Saadet Turkoz, Christoph Gallio, Markus Eichenberger - Ivano Torre, Elmar Ledergerber, Mayor of Zurich Eddie Brunner and His Original Teddies, Elsie und Siro Bianchi-Brunner, Alex Rohr Quartet, Charly Antolini, Jazz Rock Experience J.R.E., Metronome Quintet, DRS-Big Band, Remo Rau Memorial Quintet, Buddhas Gamblers, Robi Weber Quartet, Harald Haerter, Karl ein Karl, Nathanael Su - Fredi Luscher, Chris Wiesendanger Quartet, Noisy Minority, Priska Walss - Gabriela Friedli, Marianne Racine Quartet, Peggy Chew - Adrian Frey, Luigi Archetti - Jan Schlegel & Nik Bartsch's Mobile Aer.
Considering there are some 32 tracks here, spanning sixty years (1945 til today) and all recorded in Zurich, it is amazing how much diversity and creative spirit is found on this superb double CD. It spans the history of jazz from a big band to jazz vocals to bebop to many types of modern jazz and free improv. The enclosed booklet includes a short history of jazz in Zurich, written in both Swiss and English. Most of the pieces are previously unavailable, many are radio broadcasts and many are indeed rarities. We get from folks like Hans Kennel in 1963, a couple of decades before he recorded discs for Hat Art. His Quintet from '63 includes saxist Bruno Spoerri who was also a member of an early fusion group called the Jazz Rock Experience (from 1970 & also included here) and who recently recorded with German trombone hero Albert Mangelsdorff. Another historic group was the Alex Rohr Quartet (from 1964) that included a young Irene Schweizer on piano, Uli Trepte (future Guru Guru) on bass and Mani Neumeier (future Ash Ra Temple) on drums. Although I am only familiar with about a dozen of the 32 artists included, each piece is interesting in its own way. Some of the highlights include Sal Nistico with the DRS Big Band, a fabulous duo of Irene Schweizer & Louis Moholo doing a swell South African groove tune and too many other gems to mention here, from spirits known and unknown. -
Bruce Galanter, Down Town Music Gallery, New York, March 2005

 

 

Die Jazzvirulenz im heutigen Zürich erklärt sich aus einer Jazzvergangenheit, die bis in die 20er Jahre zurück reicht und die 2003 Gegenstand der Retrospektive „Jazzstadt Zürich - Von Louis Armstrong bis Zürich Jazz Orchestra“ war. Armstrong hatte am 30.11.1934 in der Tonhalle gastiert. 50 Jahre später machte das TAKTLOS-Festival Zürich zur ersten Adresse für die 'Lachenden Außenseiter‘. Heute geht man ins Moods, in The Gig, die Widder Bar, andere lieber ins WIM oder die Rote Fabrik. JAZZ IN ZÜRICH (Intakt 099, 2xCD) fächert nun ein jazziges Historienpanorama der Stadt auf: Es beginnt unmittelbar nach WW 2 mit Eddie Brunner and His Original Teddies, die das Erbe des 1941 nach Mexiko emigrierten Swingkönigs Teddy Staufer fortsetzten. Mit Elsie und Siro Bianchi-Brunner und vor allem dem Hans Kennel Quintet springt man dann schon in die angebopten und hardboppigen Sechziger. Der Trompeter Kennel, als Alphornist immer noch aktiv, gehörte zu den avancierten Köpfen der Café-Africana-Szene, die mit der Ankunft von Dollar Brand 1962 völlig neue Impulse erhielt. Eine der Inspiriertesten war Irène Schweizer, die 1964 im Alex Rohr Quartet mit Uli Trepte am Bass und Mani Neumeier an den Drums zu hören ist. Zwischen die Buddy-Rich-Resonanzen des Mainstreamdrummers Charly Antolini und das standard-orientierte Metronome Quintet ist mit der Jazz Rock Experience eine Formation auf den Spuren von Cannonball Adderly gesandwicht, mit Bruno Spoerri am Saxophon, Kennel an der Trompete und Raffael Waeber an der Gitarre. Benny Bailey und Jazz Live Trio mit Klaus Koenig am Piano und die DRS-Big Band unterstreichen die Rolle des Radios für die Verankerung von Jazz in Schweizer Ohren, während das Remo Rau Memorial Quintet, Buddhas Gamblers mit dem Amateur-Swingpianisten Buddha Scheidegger und das souljazzige Robi Weber Quartet die Rolle wahrer Förderer, Aficionados und lokaler Helden würdigen. CD 2 zeigt dann die avancierteren Entwicklungen von Senioren wie Favre (*1937) bis zu Youngstern wie Bärtsch (*1971): das Duo Irène Schweizer-Louis Moholo, den Drummer Pierre Favre mit dem Arte 4tet & Michel Godard, den weich gestimmten Gitarristen Harald Haerter flankiert von u.a. dem Trompeter Erik Truffaz, das exzentrisch-experimentelle Trio Karl ein Karl der WIM-Mitbegründer Peter K. Frey, Michel Seigner & Alfred Zimmerlin, das Altosax-Piano-Duo Nathanael Su - Fredi Lüscher, das Lucas Niggli-Zoom Ensemble und die abenteuerliche Turk-Sängerin Saadet Türkös, das Chris Wiesendanger Quartet und der elegant-coole Christoph Gallio mit seinem Day & Taxi-Trio, der 1999 verstorbene Schlagzeuger Urs Voerkel im Duett mit Irène Schweizer, Omri Ziegele mit seinem Trio Noisy Minority, das extraordinäre Posaune-Piano-Duo Priska Walss - Gabriele Friedli, das Marianne Racine Quartet mit einer gotländischen Polka, das faszinierende Klarinette-Drums-Duo Markus Eichenberger - Ivano Torre mit drei kleinen Kichererbsengesängen, Peggy Chew, die mit Adrian Frey am Piano ein chinesisches Volkslied singt, das Co Streiff Sextet auf Orienttrip, die Gitarristen Stephan Wittwer und Luigi Archetti, letzterer mit Jan Schlegel von Billiger Bauer & Noisy Minority am Bass, und abschließend noch Nick Bärtsch‘s Mobile Aer mit ihrer Ritual Groove Music. Die unpuristische Auswahl zeigt, dass Weltstadt Zürich-Atmosphäre nicht allein von 'Eingeborenen‘ wie Bärtsch, Haerter, Schlegel, Streiff, Walss und Wittwer, sondern immer nur in Mischung mit 'Zugereisten‘ wie Chew, Rancine, Türkös, dem in Kamerun geborenen Niggli oder dem in Israel zur Welt gekommenen Ziegele entsteht. Durch den historischen Schwerpunkt von CD1 und den kosmopolitischen von CD2 zeigen die beiden Herausgeber, der Intakt-Leiter & WoZ-Redakteur Patrik Landolt und der NZZ-Jazzkritiker & Drummer Nick Liebmann, Zürich als kontinuierlich offene Gaststätte der allerschönsten 'Negermusik‘ und ihrer Schweizer Echos.
Rigo Dittmann, Bad Alchemy, Deutschland, April 05

 

 

Ein hervorragendes Meisterstück
Bereits die Schweizer Filmkomödie »Tschäss« (1994) gewährte Einblicke in die Zürcher Jazzkeller der 50er-Jahre (Jugendkultur zwischen Anpassung und Aufbegehren). In 2003 begeisterten Ausstellung und Buch unter dem Titel »Jazzstadt Zürich«, worin sich der Bogen über die frühe Bedeutung jenes Musikstils bis in die heutige Szenenvielfalt erstreckte. Stadtpräsident Elmar Ledergeber selbst regte an, als Ergänzung möge eine klingende Dokumentation folgen. Keine leichte Aufgabe für die beiden Kuratoren Patrik Landolt und Nick Liebmann. Ihnen aber gelang ein hervorragendes Meisterstück, eine vergnügliche und zugleich informationsreiche Doppel-CD zu kompilieren. Alle erdenklichen Stilrichtungen sind auf den Tonträgern friedlich vereint: Mainstream, Be Bop, Jazzrock bis hin zu experimentellen Spielformen. Ein geballtes name dropping bleibe erspart, als Hinweis indes:
der erste Albumteil widmet sich historischen Aufnahmen und zeigt die Entwicklung der vergangenen 60 Jahre. Der zweite Teil steigt Mitte 1980 ein und präsentiert mittlerweile auch internationale Aushängeschilder der CH-Szene. Ein ausführliches Booklet nimmt sich den Hintergrundinformationen zu allen 32 Aufnahmen bestens an.
Michael Heisch, Skug, Juni 2005, Wien

 

Prolongeant l'exposition Jazzstadt Zürich, von Louis Armstrong bis Zürich Jazz Orchestra, ce double disque recense quelquesuns des jazzmen et jazzwomen dont la route traversa, à un moment ou à un autre, la cité helvète. Entreprise louable, mais comme la plupart du temps en pareil cas, réductrice (oublis, choix discutables) et frustrante (l'envie d'en savoir et écouter plus). D' Elsie Bianchi-Brunner (voix grave et pénétrante) à Priska Walss et Gabriela Friedli (duo trombone / piano zappé à sa sortie et qu'il semble urgent de reconsidérer), en passant par Charly Antonili, batteur virtuose, le Metronome All Stars et les Buddhas Gamblers, deux des figures emblématiques du jazz à Zürich, c'est un paysage accidenté et attachant qui nous est présenté. Au rayon des étrangetés, on retiendra le quartet du trompettiste Hans Kennel qui en 1963 reprend le When will the blues leave d' Ornette Coleman à la pure sauce be-bop, l'hilarant Jazz Rock Experience (avec de nouveau Hans Kennel) et le quartet de Robi Weber, copie conforme du Modern jazz Quartet.
Figure maternelle et essentielle du jazz suisse, Irène Schweizer se taille la part du lion: pianiste influencée par McCoy Tyner aux côtés du très coltranien Alex Rohr, mélodiste inspirée en duo avec le grand Louis Moholo ou percussionniste attentive aux côtés du regretté Urs Voerkel, elle illumine de son génie cette heureuse et captivante compilation.
Luc Bouquet, Improjazz 117, Paris, juillet & août 2005

 


Bereits die Schweizer Filmkomödie »Tschäss« (1994) gewährte Einblicke in die Zürcher Jazzkeller der 50er-Jahre (Jugendkultur zwischen Anpassung und Aufbegehren). In 2003 begeisterten Ausstellung und Buch unter dem Titel »Jazzstadt Zürich«, worin sich der Bogen über die frühe Bedeutung jenes Musikstils bis in die heutige Szenenvielfalt erstreckte. Stadtpräsident Elmar Ledergeber selbst regte an, als Ergänzung möge eine klingende Dokumentation folgen. Keine leichte Aufgabe für die beiden Kuratoren Patrik Landolt und Nick Liebmann. Ihnen aber gelang ein hervorragendes Meisterstück, eine vergnügliche und zugleich informationsreiche Doppel-CD zu kompilieren. Alle erdenklichen Stilrichtungen sind auf den Tonträgern friedlich vereint: Mainstream, Be Bop, Jazzrock bis hin zu experimentellen Spielformen. Ein geballtes name dropping bleibe erspart, als Hinweis indes:
der erste Albumteil widmet sich historischen Aufnahmen und zeigt die Entwicklung der vergangenen 60 Jahre. Der zweite Teil steigt Mitte 1980 ein und präsentiert mittlerweile auch internationale Aushängeschilder der CH-Szene. Ein ausführliches Booklet nimmt sich den Hintergrundinformationen zu allen 32 Aufnahmen bestens an.
skug # | Michael Heisch | Wien, Fri 10. Jun. 2005