INTAKT RECORDS – CD-REVIEWS
Lucas Niggli


LUCAS NIGGLI ZOOM. SPAWN OF SPEED. INTAKT CD 067

PORTRAIT LUCAS NIGGLI, SOMMER 2002
Mindestens ein Schritt weiter

Von Marcus Maida
Die kamen, die Schweizer! Das 31. Moers-Festival brachte neben den erweiterten Hardcore-Kammermusikern Koch-Schütz-Studer vor allem den schnellen und scheinbar omnipräsenten Lucas Niggli mit gleich zwei Formationen auf die grosse Bühne: zum einen mit dem Trio «Steamboat Switzerland», zum anderen mit seiner eigenen Gruppe «Zoom». Als wäre das nicht schon genug, schwang Niggli jeden Vormittag beim Moers-Projekt «Dampfschiff Schweiz» Stöcke und Besen und bot nach dem «Steamboat»-Auftritt am Samstag, man gönnt sich ja sonst nichts, auch noch ein spontan angesetztes Duokonzert mit Marcel Papaux als «The Jugglers» im Dunkelzelt. Ist der Mann besessen von Musik?

Höllenfahrt im Dampfschiff
«Ich arbeite gerne», lacht Lucas, «das stimmt allerdings. Es ist aufregende Zeit.» Herzlich ist seine Begrüssung, bescheiden, aber unglaublich vital und voller Energie ist seine Präsenz. Lucas Niggli, der in Uster bei Zürich lebt, ist einer der profiliertesten Aktivisten einer jungen Schweizer Jazz-Szene, der äusserst konzentriert wie begeistert die ständige Kontexterweiterung sucht - über Kollaborationen informiert ausgiebig seine Website. Der momentane Fokus bei dem 34jährigem Drummer liegt jedoch tatsächlich auf den zwei Gruppen, mit denen er in Moers auftrat. Schon der Soundcheck von «Steamboat Switzerland» erinnerte manche an Deep Purple: laut und krachig war¹s, was hinter dem schwarzen Vorhang hervorkam. Die Hammond vom (standesgemäss schwarzlederbehosten) Dominik Blum (auch am Korg MS-20 und der Bandmaschine) und der Bass von Marino Pliakas - beide übrigens hervorragende Interpreten «neuer Musik» - bilden tatsächlich ein mächtiges Klangkonvolut, ergänzt durch Lucas¹ gezielt-prägnantes Spiel. «Steamboat» ist reiner Gruppenklang, absolut kollektiver Sound, barock, mächtig, prägnant, für solistische Einzelfahrten bietet dieses alles andere als etwa gemächlich über den Zürisee pluckernden Dampfschiff keinen Platz. Vom zwingenden Gesamtvolumen dieser Höllenfahrt erinnert dies im aktuellen Kontext durchaus an Naked City, Fantomas oder gar an das Terrorklangvolumen der notorischen Borbetomagus, jedoch ist bei «Steamboat», so versichert Lucas, in der Regel alles notiert, und so ergibt sich auch eine komplett differenziertere und äusserst präzise Dramaturgie. Die drei Musiker improvisieren entweder mit zuvor erarbeiteten und komplett definierten, aber frei zusammenfügbaren «Modulen», oder sie spielen ihre Notationen und Skizzen vom Pult ab und verständigen sich auch im grössten Hardcore und Heavy-Rausch per Handzeichen. Dabei bricht der Energiepegel nie ab: Lucas drischt an seiner opulenten «Batteria» selbst die komplexesten Rythmen punktgenau und intensiv, eine Fähigkeit, die er an Drummern wie Terry Bozzio (u.a. ex-Zappa), Dave Lombardo (u.a. ex-Slayer, jetzt Fantomas) oder Joey Baron (u.a. ex-Naked City) so schätzt. Aber das sind nur Vergleichsparameter, denn hochoriginell und von einer sehr eigenen Intensität geprägt ist das Schweizer Spiel allemal! Aus ihrem Spielrausch kommen sie immer wieder sehr exakt heraus, akzentuieren sogleich eine mögliche andere Struktur, steigern sich endlos ins Kakophonische im Rausch wieder hoch, um dann - natürlich mitten in Moers - in einen 1a Mosh-Part zu verfallen. Das Publikum johlt, und Dominik Blum besorgtís der Crowd mit seiner Ian-Gillian-Gedächtnisstimme noch einmal so richtig. Die Leute in den Stuhlreihen nicken geflissentlich mit - Headbangen ist das nicht wirklich -, und das Trio kommt von einem zusammengepressten Emerson, Lake und Palmer-Modul in einen atemberaubenden Speedmetalteil, der dann von einer völlig komplexen und abstrakten Rythmik geweitet und zerfräst wird. Doch bevor sich das einschleift, geht man abermals abrupt in einen bangenden metallischen Gesamtrhythmus über, bis die Staccato-Orgelparts wieder in määndernde Flächen überführt werden und so geht es im stetigen Wandel spannungsvoll weiter. Es erscheint, als erfindet sich diese Freeform-Rockmusik jeden Moment neu, um die Geister der Rock- und Jazzgeschichte anzurufen und zugleich auszutreiben. Bei «Steamboat» focussiert sich zudem eines der wichtigsten musikalischen Interessen von Lucas Niggli: mit sehr hohem formalen Bewusstsein exakt auf den Punkt kommen zu können, dabei ein atemberaubendes dramaturgisches und energetisches Level zu halten, und sich gleichsam mit der Gesamtformation in eine intensiven und mitreissenden Spielrausch bringen zu können, ohne den das ganze Spiel letztlich - auch für das Publikum! - nichts wert ist.

Geht einen Schritt weiter!
Bei «Zoom» organisiert sich diese Haltung vom Klang her etwas anders: man geht genauso konzentriert und sogar in den grössten Lautstärken und Intensitäten fragil vor, lässt aber mehr klanglichen Raum in der Struktur für die Klangfarben offen - etwas, was Lucas aus seiner Beschäftigung mit der zeitgenössischen («neuen») Musik gelernt hat, von deren ästhetischer Klangkultur er begeistert ist. Den improvisatorischen Gestus und den Drive des Jazz mit der Präzision und dem Klangreichtum der zeitgenössichen Musik zu verbinden, ist daher ein Anliegen, dem bei «Zoom» auf die höchstversierte Weise nachgegangen werden soll. Und dies ist bei so herausragenden Mitmusikern wie eben Philipp Schaufelberger an der Gitarre und Nils Wogram an der Posaune kein nicht so grosses Problem mehr, sondern dafür geradezu eine Freude - auch beim Zuhören. «Zoom» spielen in Moers ebenfalls mit Notation. Sehr schnell und filigran kommt man bald auf extrem abstrahierte Jazz-Idiome aus Swing und Blues, die aber immer noch nachvollziehbar sind - nicht umsonst heisst ein Stück «Superblues». Das Spiel der «Jazzkapelle», wie Lucas seine Band vorstellt, ist bei aller Komplexität dabei ungemein leicht, luftig und extrem interaktiv. Glanzstücke wie Schaufelbergers Fingerbrecherläufe, Wograms Mundstück-«Moaning» und Nigglis perkussives Spiel mit den Fingern schaffen bisweilen sehr reduzierte wie intensive Spielweisen, die in ihrem Swing fast schon latino-mässig daherkommen. Auffällig vor allem das generell ungemein dichte und konzentrierte Zusammenspiel - das ist Jazz, das sind Stücke, und kein amorphes und endlos-määnderndes Free-Form-Gefrickel! Schaufelberger, der seine Gitarre nahezu wie ein akustisches Instrument und mit wunderbarem Phrasing spielt, und Wogram, dessen feinfühlige wie prägnante Posaune das Jazzpublikum schon seit Jahren begeistert, geraten mit Niggli, der das Publikum mit der Impulsivität und Genauigkeit seiner Rythmik verblüfft, auf eine spielerisch-kommunikative Ebene, die eine ganz eigene Klasse ist und gleichzeitig ein exzellentes und herausragendes Modell für Improvisation. Niggli hat hier eine Gruppe gefunden, die Abstraktion rollen lassen kann und sich einen klaren Rausch zu erspielen weiss - kann man einer Jazzband in der Hier- und Jetztzeit ein grösseres Kompliment machen? Hier braucht es keiner präventiv «krachen» zu lassen und an der Volumeschraube zu drehen, das Spiel ist vielmehr fragil, schwebend und sanft, oft hängt gar ein Miles-Vibe in der Luft, dezent und gleichsam total zwingend. Der naheliegendste Improvisationsgestus ist nicht das Ding dieses Ausnahmetrios, sie scheinen das zu praktizieren, was Miles einmal sagte, und was so viele improvisierende Combos der Jetztzeit immer noch nicht verstanden haben: «Spiel nicht, was Dir gerade einfällt - geh einen Schritt weiter!» Aber dann geht der Gestus wieder auch ins Forsche, Fordernde, Packende und Schnelle über, und man steigt gemeinsam in der Lautstärke an. Das für viele beste Konzert in Moers 2002 begeisterte das Publikum nachhaltig: Standing Ovations, Gejohle, sogar ein «Ausziehen!»-Ruf - Puh! Durchatmen - das hatte man wirklich gebraucht!

Wurzelziehen
Am nächsten Tag bestaunt Lucas mein mittlerweile ziemlich altes, aber unglaublich treues Band-Diktiergerät, und wer hätte gedacht, dass so ein Maschinchen auch bei «Zoom» eine grosse Rolle spielt? «Die meisten Kompositionen entstehen tatsächlich ganz unintellektuell, vom Ohr her, beim Ðben, wenn ich etwas neues entdecke. Ich singe meistens beim Spielen, und dann finde ich irgendwelche Lines dazu und dann nehme ich sie aufs Diktaphon auf. Das Material wird transkribiert und bleibt dann erst mal eine Weile liegen, und Monate später habe ich dann vielleicht eine ganze Kollektion Material, und dann wird da ausgemistet, durch den Filter gelassen und durch den Fleischwolf gedreht. Am Schluss habe ich ein Surrogat, und daraus baue ich mir dann die Stücke für das Trio.» Zwar hat Niggli auch einige Stücke komplett am «Reissbrett» gemacht, doch ansonsten entwickeln sich die sehr präzise und extrem ausgehörten «Zoom»-Kompositionen über die Zeit. Wir zoomen kurz zurück: beim kollektiven Gruppensound von «Steamboat Switzerland» ist Niggli entweder Improvisator oder Interpret: die Band spielt ausschliesslich Stücke von Komponisten, die für sie geschrieben haben, und das in einem sehr spezifischen Rock-und-Neue-Musik-Kontext. «Meine Wurzeln liegen aber eindeutig im Jazz», beteuert er, «und das hat natürlich mit meinem Instrument zu tun, weil das Schlagzeug ist vor allem hier im Sinne von komplexen und virtuosen Spiel weit getrieben worden, obwohl es auch natürlich im Rock Sachen wie King Crimson oder Terry Bozzio gibt.» Doch obwohl Niggli das Schlagzeug zuerst in einem Jazzkontext gelernt und gespielt hat, interessieren ihn von den Ästhetizismen her die Sachen in der zeitgenössichen, improvisierten und elektronischen Musik im Grunde mehr als das, was derzeit im Jazzbereich passiert. «Doch als Jazzschlagzeuger ist es für mich schwierig, sich diesbezüglich organisch zu seinen Wurzeln zu verhalten, und die einzige Möglichkeit war da zu sagen: ich mache mir meine eigene Band und versuche in diesem Trio all diese Einflüsse zusammenzuzoomen. Ich bin kein Dogmatiker und habe in meinem Alter auch noch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen oder kann sagen: jetzt habe ich meine Sprache gefunden! Vielmehr möchte ich mich diesem Spannungsfeld voll aussetzen, und die einzige Möglichkeit war die Gründung dieser Band, um Stücke zu schreiben, wo ich mir Rechenschaft darüber ablegen muss und von denen ich sagen kann: das möchte ich hören, das möchte ich spielen.» «Zoom» existiert seit drei Jahren, und hier ist die vielbeschworene Bandchemie extrem wichtig. Wie fanden diese hervorragenden Musiker zusammen? «Ich wusste, dass ich keinen Bassisten haben möchte, weil ich mit so klaren stilistischen Anlehnungen arbeite, dass mit einem Bassisten die Bezüge viel zu offensichtlich wären und es vielleicht viel zu plump klingen würde, da ist man sofort wieder in der Rolle der Rythm-Section. Und mir ging es darum, dass das Schlagzeug eine emanzipierte Rolle einnimmt, eben nicht in der Rythm-Section versinkt, sondern auch eine sondierende, begleitende, melodische oder themenspielende Funktion übernimmt. Das war das eine, das andere war, dass ich es trotzdem gerne habe, wenn es fett klingt, wenn es kompakt klingt, wenn es auch orchestral klingt, und deshalb habe ich zwei Tenorinstrumente gewählt. Aber das war nur das Sekundäre, denn das wichtigste waren eigentlich die Menschen, die dieses Instrument spielen.»

Komplexität muss Spass machen
Mit Schaufelberger verbindet Niggli eine lange Geschichte, sie haben schon vor 15 Jahren viel Strassenmusik zusammen gespielt, und auch im Jazzbereich gemeinsam konzertiert, Wogram hingegen, den er gar nicht kannte, hörte er auf einem Konzert und dachte nur noch: «Diesen Musiker...ich habe jeden Ton verstanden, den er gespielt hat.» Ein halbes Jahr später riss sich Niggli dann zusammen, rief an und sagte: «Schau, lass uns mal proben, ich hab da eine Idee, aber ich verspreche nichts, wennís nicht klappt, lassen wirs.» Ergebnis: vom ersten Tag an waren Schaufelberger und Wogram die dicksten Freunde, und mittlerweile ist Wogram aus privaten Gründen ebenfalls nach Zürich gezogen « für Niggli, dem es sehr wichtig ist, dass Musiker seine Ideen engagiert umsetzen, die allerbeste Voraussetzung. Demnächst verlässt «Zoom», die in Moers ein komplett neues Repertoire spielten, sogar das Statement «Trioform» und spielt mit Claudio Puntin an der Klarinette und Peter Herbert am Bass gar als Quintett auf « da ist noch einiges zu erwarten. Doch wie entwickelte sich denn das Konzept von «Zoom» aus der Art heraus, wie Niggli früher Musik improvisiert genauso wie arrangiert hat? Da hat sich der Fokus doch mittlerweile stark verändert? «Allerdings», bestätigt Niggli, «Es gab ja vor bis zu fünf Jahren kaum Literatur für Neue-Musik für Drumset. Das ändert sich jetzt auch, da jüngere Komponisten, die mit Funk und Rock grossgeworden sind, jetzt Komposition studiert haben und diese Ästhetizismen reinbringen in ihre Kompositionen « genauso Leute, die wir bei «Steamboat» interpretieren, wie Sam Hayden, David Dramm oder Michael Werthmüller, die auch wirklich für Drumset und Kickdrum schreiben. Und das ist für mich phantastisch! Dazu kommen aber auch meine Afro- und Jazzroots, das polyrythmische Spiel, das energetische und akustische Spiel « und das alles kann ich mit diesem Trio wirklich weiter entwickeln. Und da, kann ich sagen, ist ein grosser Weg hinter mir - aber es ist noch ein viel längerer vor mir!» Niggli profitiert enorm von dem Wissen, dem Können und nicht zuletzt auch dem sozialen Bewusstsein zeitgenössischer Komponisten. «Ich geniesse das extrem! Musik ist eine soziale Angelegenheit, und auch wenn ich bei «Zoom» der Leader bin, ist das ein Kollektiv, das ist mir ganz wichtig.» Mittlerweile schreibt Niggli selbst zeitgenössische Musik, und hat auch schon drei grössere Kompositionsaufträge erhalten. Das 45-Minuten Stück «Serendipity» für Jugendorchester wird im September in Zürich uraufgeführt. «Kann ich das, fragte ich mich, als mir nach einem «Zoom»-Konzert der Auftrag angeboten wurde. Aber ich mag Risiko, und so habe ich es einfach versucht. Und ich habe sehr sehr viel damit gelernt, zum Beispiel Klangfarben zu schreiben. Auch in pragmatischer Hinsicht: ein Jugendorchester muss Spass haben beim Spielen, aber Spass heisst nicht Einfachheit, heisst nicht eindimensional zu sein. Die Komplexität muss Spass machen und direkt ansprechen. Das ist genau das, was Duke Ellington so unglaublich gut beherrscht hat, dass er es seinen Leuten auf den Leib geschrieben hat. Und das Orchester hat verdammt gut geklungen!»

This is Freedom!
Mittlerweile hat Niggli einen Auftrag für ein Stück vom renommierten und etablierten Ensemble Für Neue Musik Zürich erhalten, in das er, so seine Bedingung, «Zoom» als ganzes partiell einbinden will « nicht schlecht für einen Jazzschlagzeuger, einen 100%igen Autodidakten, der in seiner Jugend King Crimson und Zappa, aber auch Slayer und Morbid Angel hörte! Seine Ideen und seine augenscheinliche Energie « Niggli kann wirklich ungemein für Musik begeistern « beeindruckten eben schon viele Leute. Allgemein sind Notationen jedoch für Niggli nicht immer der musikalischen Weisheit letzter Schluss. «Ich möchte, dass die Musiker auf der Bühne nicht nur interpretieren, was auf dem Blatt steht, sondern sich selbst auch interpretieren, sich selbst reingeben. Ich glaube, immer Musik so zu schreiben, dass der Musiker diese Möglichkeit hat. Bei «Zoom» haben wir mittlerweile einen Grad erreicht, das zu machen. This is Freedom! Man kennt sich gut, und man reproduziert und interpretiert Stücke, aber immer mit dem Ziel, sie neu zu erfinden. Und wenn das passiert auf der Bühne, dann gibt es so einen Kick - Niggli ringt nach Worten - das ist wirklich ein Fest!» Ohne intensiven Rausch geht es eben schon mal gar nicht, und da krankt oft auch die komponierte Musik dran, weiss Niggli. So sieht er beide Seiten und nimmt das Beste aus beiden Welten: «Komplexeste schwierigste Musik, aber mit der Energie des Rock zu spielen - Wow! Das ist einfach das Grösste!» Woher nimmst Du diese Energie, Lucas? «Von meinem Schlagzeug. Trommeln ist eine wahnsinnige Tankstelle. Und: ich bin zur Hälfte Hausmann - und das ist für Kopf und Herz die schnellste, manchmal auch unfreiwilligste (lacht auf) Weise, Distanz zu kriegen zur Musik. Und auch notwendig. Schon eine total andere Welt, aber sie ist eben sehr wahr. Man hat einfach den Boden unter den Füssen, man muss ihn unter den Füssen haben, denn sonst brichtís zusammen - und das gibt mir auch immer einen riesigen Kick, weiterzumachen.»

Die starke Kunst und das liebliche Leben
Niggli spielt regelmässig in der Züricher Werkstatt für improvisierte Musik, für ihn eine sehr starke Quelle von Ideen. «Ich entdecke dann auch immer wieder Probleme in der improvisierten Musik, in diesem ganz freiem Spiel.» In welcher Hinsicht? «Es ist es so schwierig, in einem ganz freien Kontext in einem Medium-Tempo zu spielen. Man neigt zu den Extremen und den Radikalen, zu dem superenergetischem, hochenergie-dichtem lautem Spiel, oder eben dann in dieser totalen Morten-Feldmann-artigen Reduktion mit ganz viel Platz - aber in einem Medium zu spielen, das braucht viel Vertrauen zu seinen Mitmusikern, das braucht auch viel...Mut!» Niggli spricht das aus, was man selbst bereits viel zu oft erfahren musste, und er ist besonders berechtigt dazu, da er in allen Improvisations-Kontexten zuhause ist und die Extreme kennt. Mit den richtigen Leuten in einem freien Kontext zu spielen, die sich eben auch mal zurückhalten können, das macht Musik für ihn erst spannend. Oft aber stellt sich das bei improvisierter Musik total anders dar: «Diese Coolness auf der Bühne», regt er sich auf, «das ist einfach nicht wahr!» Wie beurteilt er dann das, was ich gerne den «Platzhirschfaktor» nenne, wenn vor allem Männer improvisieren, denen beim immer lauter und heftiger werdendem Spiel langsam aber sicher Hörner wachsen? Lucas lacht laut! «Man könnte das ja «Steamboat» perfekt vorwerfen: Ja, lauter, schneller, aggressiver! Genau das ist aber bei dieser Band das Gegenteil. Wir sind drei Papis, wir haben zusammen sieben Kinder und sind total im pädagogischen Bereich eingespannt. Bei «Steamboat» gehtís um Sterben, eher! Klar ist es ein Rausch, und klar ist es geil (Lucas macht Motorgeräusche), aber wir sind die uncoolste Band überhaupt! Man müsste Robert Walser zitieren, der so etwas sagte wie: Kunst muss stark und heftig sein, und das Leben weich und lieblich. Es geht in diese Richtung. Das finde ich toll.»

Diskographie
Kieloor Entartet - «No More Beer», Ex Libris 1990 Kieloor Entartet - «A Good Dog Has A Day», UNIT Records 1992 Kieloor Entartet - «The Red Light Fugue», UNIT Records 1995 Hoffmann-Niggli-Percussion - «Drumscapes & Mute Songs», Creative Works, 1993 Sainkho Namtchylak - »Letters», Leo Records, 1993 Michael Gassmann Quartett - «Live», UNIT Records, 1993 Scholl-Erismann-Niggli-Frith-Koch-Kowald ­ »Nil», UNIT Records, 1996 Roots Of Communication - «Pro Helvetia», UNIT Records, 1996 Acoustic Stories - Rahel Hadorn, Live At Moods, Red Note, 1997 Pierre Favres Singing Drums, intakt, 1997 Steamboat Switzerland, UNIT Records, 1998 Roots Of Communication - Al Valico dei Secoli, Esperia, 1998 Lucas Niggli & Sylvie Courvoisier - «LAVIN», intakt, 1999 Border Meetings ­ «Pedretti-Grichting-Schütz-Niggli», Altri Suoni, 2000 Pierre Favre ­ «European Chamber Ensemble», intakt, 2000 Steamboat Switzerland - «Budapest», Grob 315, 2001 Steamboat Switzerland - «ac/dB (hayden)», Grob 316, 2001 Steamboat Switzerland - «unknown song», Grob, 7, 2001 Lucas Nigglis ZOOM - «Spawn Of Speed», intakt CD 067, 2001
Marcus Maida, Jazzthetik, Juli 02

 


The range of sound ­ pure, unadulterated sound ­ is so broad and grand that it is hard to imagine that there are only three instruments producing it. Lucas Niggli calls his trio ³Zoom,² and appropriately so. The percussionist¹s thirteen compositions favor revved up tempos and lots of variety. Trombonist Nils Wolgram is the sole horn, and this is this remarkable player¹s best recording to date. Wolgram straddles the line between the avant-garde and post-bop, in much the same way as German trombonist Albert Mangelsdorff, who is clearly a major influence on Wolgram, particularly with the multiphonics. Totally exposed with only Niggli and eclectic guitarist Phillip Schaufelberger with him, Wolgram dances up and down his horn, with incredible range, fluidity, and punch. Niggli keeps the juices going, with oddball meters, quick changes in direction, and plenty of melody sandwiched between radical rhythms. Interest never wanes, and Schaufelberger gives a alternatively funky and free-style lift throughout. Fun stuff that is curiously accessible, not easily pigeonholed, and eerily unique. (4 stars)
Loewy Steven A. Loewy, All Music Guide, USA, March 2001

 

Saxophone, bass and drum trios have been thick on the ground at least since Sonny Rollins recorded A Night at the Village Vanguard in 1957. But substituting brass for the reed, and/or a guitar or piano for the bass doesn't seem to work as well. Evan as powerful a soloist as veteran trombonist Roswell Rudd wasn't able to breathe life into recordings featuring the same instrumentation as this disc. So why does Zoom loom where other's efforts went boom to doom? Simple chemistry one would suppose. Swiss drummer-leader Lucas Niggli, who wrote all but two of the tunes has already worked with folks as diverse as British postrock guitarist Fred Frith, lyrical Swiss pianist Sylvie Courvoisier and in Steamboat Switzerland, usually described as an avant-hard core trio. Swiss guitarist Philipp Schaufelberger, slides back and forth between understated mainstream sounds and a rockier exterior, while German trombonist Nils Wogram -- the real find of this disc -- is part of that Teutonic "outside" sackbut lineage that includes Albert Mangelsdorff and the Bauer brothers.
On "Light Night," for instance, with its cartoon-like, stop-and-start theme, Wogram indulges in a little throat singing along with valve work when it comes time for his unaccompanied solo. That is after he's executed runs so speedily that they almost slide into bop 'bone territory. Earlier, on "Superblues," his plunger mute work shows that the ghost of Tricky Sam Nanton must have possessed a few good Germans as well as Yanks. At 1 minute, 49 second, "Poems & Theorems III: No Noodle," has a title that's practically longer than the tune, yet it not only allows the trombonist to launch a fusillade of bass notes, but also underscores the teamwork of all three musicians.
Schaufelberger's light tone comes to the fore on semi-Balkan dances such as "Hoax" or the light jig part of "Poems & Theorems V: Sch!" Yet that tune and others such as "Blue & Grey" prove that weightlifter-powered heavy guitar riffs can be added to concoction if needed.
While all this is going on, Niggli appears to be having the time of his life. Assertive only where he has to be, and never indulging in empty displays, he tries to nudge the songs along from the rear with nimble rhythmic inventions. Consider the title tune, for instance, which appears to morph from rock-inflection to free and back again, and which is alive with percussion emphasis. Or ponder his mini-solo display on "Lost," which is all gongs, cymbals and sticks.
Other sessions, usually of piano, bass and drums, have been dubbed "the art of the trio," but this session gives that title a new currency with different instruments.
Ken Waxman, www.jazzweekly.com, USA, Mai 2001

Souverän
Dem Schlagzeuger LUCAS NIGGLI, von dem schon als Dampfturbine des Brachial-Jazzcore-Outfits Steamboat Switzerland zu reden war, begegnet man auf ganz anderem Terrain mit seinem Trio ZOOM. Zusammen mit dem Gitarristen Philipp Schaufelberger und dem Trompeter Nils Wogram führt er bei Spawn Of Speed (Intakt 067) in einem doch sehr anderen Quadranten des musikalischen Orbits seine komplex rhythmisierten, delikat melodischen Chamber-Jazz-Kompositionen auf. Bekannt geworden war Niggli mit seinem einstigen Trio Kieloort entartet, prägend war daneben seine langjährige Partnerschaft mit Pierre Favre, etwa beim Singing Drums-Quartett oder dem European Chamber Ensemble. Als historisches Vorbild für die lockere Folge von kammermusikalischen Capriccios, jedes auf wieder andere Art eine Begegnung von Reissbrett und Spielwiese, könnte man etwa so ein Kleinod des intimen Thirdstreams wie Giuffres "Western Suite" mit dem Gitarristen Jim Hall und dem Posaunisten Bob Brookmeyer anführen. Als aktuellere Parallelen "Bar Kokhba" vom Masada Chamber Ensemble oder D. Douglas' "Charms Of The Night Sky". Der Ansatz von ZOOM ist nicht eklektisch, sondern souverän, die Diversivität der Anklänge und Stimmungen, vom Townshipbeat zum Lullabye, vom Fake-Evergreen zur Zwölftonreihe wird nicht im Zappingverfahren montiert, sie ist organisch eingebettet in das Mäandern entlang eines offenen 360°-Horizonts. Integriert in "Spawn Of Speed" ist Nigglis Sammlung "Poems & Theorems". In diesem Titel wird die Dichotomie aus Formel und Unschärfe, Sophistication und Kontingenz explizit. Dass "Spawn Of Speed" dabei aber völlig locker und spontan klingt, macht die Magie dieser von Weitem betrachtet vielleicht nicht sonderlich spektakulären Musik komplett.
Bad Alchemy, Würzburg, Deutschland, 38/2001

Komplex - und doch so eingängig
Das Einfache, das so schwierig zu machen ist: Der Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli spielt mit seinem Trio Zoom schwierige Musik, als ob das alles ganz einfach. Er hat lange gewartet mit der ersten CD unter seinem eigenen Namen. Natürlich gibt es längst einige wenige Aufnahmen des 32-jährigen Schweizer Schlagzeugers Lucas Niggli, mit Pierre Favres European Chamber Ensemble etwa, mit der Pianistin Sylvie Courvoisier oder auch mit den Gruppen Steamboat Switzerland und Kieloor Entartet, die irgendwie auch seine Gruppen sind oder waren, aber: "Spawn Of Speed" ist die erste Einspielung, die ganz und gar Nigglis eigene Handschrift trägt. Zwei Jahre hat er sich dafür Zeit genommen, mehrmals haben die drei Musiker während längerer Zeit zusammen intensiv geprobt, im Januar vorigen Jahres haben sie das Repertoire auf einer Tournee gleichsam getestet, um dann noch einmal während längerem daran zu feilen. Die minuziöse Arbeit hat sich gelohnt: "Spawn Of Speed" ist ein Meisterwerk geworden. Wollen tun viele, aber können tun dann doch die wenigsten. Lucas Niggli ist mit höchsten Ansprüchen an dieses Projekt herangegangen; er, der vielseitigste unter den jüngeren Schweizer Schlagzeugern, ein Musiker, der im konventionellen Modernjazz und in der frei improvisierten Musik ebenso zu Hause ist wie im experimentellen Hardcore-Jazzrock, der das Spiel mit Sounds, Klangfarben in feinster Nuancierung ebenso beherrscht wie das rhythmische Feuerwerk, der sich im freien, intuitiven Ad-hoc-Spiel ebenso wohl fühlt wie mit präzis strukturierten, bis ins Detail fixierten Arrangements, er hat sich vorgenommen, diesen ganzen Überfluss in einen Guss zu bringen. Nicht zufällig, dass er sein Trio Zoom nennt; der Name ist Programm. Niggli verwirbelt und verstrudelt nicht alles mit allem, sondern zoomt einmal dahin, einmal dorthin, er konzentriert sich bei jeder seiner 13 Kompositionen auf genau durchdachte Konstellationen. Mit dem deutschen Posaunisten Nils Wogram und dem Schweizer Gitarristen Philipp Schaufelberger hat er sich mit zwei Musikern zusammengetan, die seinen Intentionen perfekt entgegenkommen. Wogram beherrscht sowohl das jazzmässige Freespiel mit vielen Nuancen zwischen robusten, schnarrenden Blasattacken, eleganten Melodielinien und balladesken Weichtönen, dazu ein breites Repertoire an Noiseklängen, vom Knurren und Fauchen bis hin zum Sirren und Wimmern. Und Philipp Schaufelberger oszilliert und changiert blitzschnell zwischen konventionellen, swingenden Jazzlinien, vertüftelten, klug gesetzten knappen Akkorden und einem differenzierten Repertoire an dunkeln Bassklängen, Kratz- und Schabegeräuschen. Verzahnungen und Brüche Bei all dieser Zoom-Technik ist "Spawn Of Speed" keine zusammengewürfelte Musterkollektion von Nigglis vielseitigen Neigungen und Interessen geworden, sondern ein in sich geschlossenes Werk mit einem starken roten Faden. Die Collage- oder Modultechnik wird nie überstrapaziert; zwar gibt es in den meisten Stücken überraschende Wendungen vom einen ins andere, kühne Übergänge und vehemente Brüche, zwar wechseln die zum Teil komplexen Rhythmen und Metren, die Klangkonstellationen, die Intensität und Dichte. Aber: Während der langen Probenarbeit haben die drei Musiker so lange an den einzelnen Konfigurationen getüftelt und gefeilt, bis die Verzahnungen genau stimmen, die komponierten Passagen und die improvisierten Freigänge zu einer kaum mehr unterscheidbaren Einheit zusammengewachsen sind. So klingt denn diese Platte bei aller musikalischen und intellektuellen Komplexität so leicht, so organisch und selbstverständlich, in positivem Sinn eingängig, als könnte es gar nicht anders sein. Kurz: ein Meisterwerk.
Christian Rentsch, Tages-Anzeiger, 19. März 2001

Trommelwirbel, nicht Paukenschlag
«Breit liegt der Mittag um uns, die mittägliche Stadt in Schwere und Ausdehnung; am fernsten Rande der Himmel sitzt ein Wölkchen, man kann sagen unwirklich; nur ŒTräumer¹ erspähen es: von dort her bricht es, das in kurzem stadtbeherrschende Gewitter. [...] Nicht vom Zentrum aus geschieht die Entwicklung, die Ränder brechen herein». Ludwig Hohl, der diese Sätze in seinem Genfer Keller schrieb, arbeitete an diesen Rändern. Er hat sie nicht zum Hereinbrechen gebracht, das Bild aber, das er schuf, ist geblieben, wird immer wieder zitiert. «Seht, da kommt der Träumer her», sagte Hohl, der Träumer ist der, der daran glaubt, dass die Ränder hereinbrechen, der daran kratzt. Lucas Niggli ist so einer, ein Träumer auf dem Schlagzeug. Wenn er spielt oder spricht, vermittelt er immer das Gefühl von Leichtigkeit und Lust an seinem Tun. Er hat etwas Spitzbübisches und im Gegensatz zum alten Hohl, der immer wieder schwere Attacken gegen seine vermeintlichen Feinde ritt, unversöhnlich, ist Lucas Niggli ein ausnehmend freundlicher Mensch. In seinem Info steht: «Mit einem Trommelwirbel kam Lucas Niggli 1968 zur Welt». Nicht mit einem Paukenschlag, dazu ist er viel zu verspielt, nichts Brachiales ist in seinem Musizieren, er ist ein filigraner Schlagwerker, ein Klangtüftler, ein Fabulierer. Einer der Eckpunkte in der musikalischen Welt von Lucas Niggli ist sein ehemaliger Lehrer und jetziger Partner Pierre Favre. Favre ist eine ausserordentlich starke Pädagogenpersönlichkeit. Schlagzeuger, die ihr Handwerk bei ihm gelernt haben, haben bei aller Gegensätzlichkeit Gemeinsamkeiten: Die wichtigste ist vielleicht die, dass sie mit der traditionellen Begleitrolle, des Schlagzeugs nicht zufrieden sind. Sie wollen aktiv ins musikalische Geschehen eingreifen, ihre Ideen einbringen. Gleich in der ersten Band mit der Niggli arbeitete, übernahm er eine tragende Funktion. Ende der achziger Jahre betrat «Kielohr Entartet» die Szene. In diesem Fall ist nun wirklich von einem Paukenschlag zu sprechen, innert Kürze spielten sich die vier jungen Musiker an die Spitze. Mit Wohlwollen betrachteten die Älteren deren Tun, - und engagierten sie in ihre Bands. So kam es, dass Lucas Niggli mit kaum fünfundzwanzig der Crème der improvisierenden Zunft angehörte, und mit klangvollen Namen auf Festivalbühnen in der halben Welt stand. Runde zehn Jahre später fühlte er sich reif, seine eigene Band auf die Beine zu stellen. Sie sollte so sein, dass seine musikalische Freiheit nirgends beschnitten wurde, klein, wendig, und mit grosser Ausdruckspalette. Die Form des Trios drängte sich auf und der zweite Mann war schnell gefunden: der Gitarrist Philipp Schaufelberger. Fehlte noch der dritte. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen mit verschiedenen MusikerInnen lernte Lucas Niggli den deutschen Posaunisten Nils Wogram kennen. Er wusste sofort: der ist es. Spielte Wogram Violine, müsste man von einem Teufelsgeiger sprechen, er wird als Nachfolger des grossen Albert Mangelsdorf gefeiert. Um die Bandchemie zu testen, begann man zu proben, gab erste Konzerte. Nach zwei längeren Tournéen nun trafen sich die drei im Radiostudio in Zürich, um aufzunehmen. «Spawn of Speed» heisst die CD, die vor kurzem beim Zürcher Label INTAKT erschien. Der Umschlag zeigt Wolken. Zweifellos sind es jene Wölkchen von denen Ludwig Hohl spricht. Diejenigen, wie nur Träumer wie Lucas Niggli sie erspähen, die aber irgendwann ein Gewitter verursachen. Ein schweres Gewitter wird es kaum sein, dazu ist Niggli zu sanft, aber dass seine Musik im Zentrum etwas in Gang bringen kann, daran glaubt er schon. Die Ränder sind sind schon ein wenig am Hereinbrechen.
Beat Blaser, Radiomagazin, Schweiz, 11/2001

 

Debüt-CD von Lucas Nigglis Trio Zoom - Innere Zensurbehörde ausschalten
Der Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli veröffentlicht erstmals eigene Kompositionen mit seinem Trio Zoom: Niggli über künstlerische Ideen, musikalische Grossväter und über das Leben eines Schlagzeugers.

Geboren bin ich in Afrika, in Kamerun. Nach sechs Jahren sind wir in die Schweiz gezogen. Zuhause wurde viel musiziert. Ich hatte Gelegenheit, bei einem Freund im Keller zu trommeln. So ging es los. Auf der Musikschule erhielt ich einige Zeit Schlagzeugunterricht. Die Zeit an der Kantonsschule Wetzikon war auch wichtig: Ich hatte Klavierunterricht, spielte Schlagzeug in der Bigband und war im Chor. Mit zeitgenössischer Musik bin ich etwa mit fünfzehn, Mitte der achtziger Jahre, in Berührung gekommen. Daneben gab es auch die obligatorischen Rockbands, in denen ich gespielt habe. Ich bin immer sehr breit gefahren, habe mich stilistisch nie festlegen lassen. Ich wollte auch nicht Musiker werden - ich bin es einfach mit der Zeit geworden. Die Jazzschule verliess ich nach einem Jahr wieder, das Konservatorium kam für mich sowieso nicht in Frage. Tony Williams ist derjenige Jazzdrummer, der mir von seinem Stil her am meisten bedeutet. Sein Spiel auf Eric Dolphys «Out to Lunch» zum Beispiel - unglaublich! Das Energetische daran liebe ich, das Nach-Vorne-Treibende von Williams ist mir ganz nahe, auch sein Drumsound. Von meinem Schlagzeuglehrer Pierre Favre hab ich sehr viel gelernt. Er ist jung geblieben. Einerseits hat er in den siebziger Jahren Freejazz vom Wildesten gemacht, andererseits verdiente er sein Geld als Drummer bei der Max Greger Showband. Unser Verhältnis war nie konfliktgeladen wie bei einer Vater-Sohn-Beziehung. Eher verhielt es sich zwischen uns wie bei einem Grossvater und seinem Enkel - kein Konkurrenzdenken, sondern Respekt bestimmte das Verhältnis. Mittlerweile sind wir auch dicke Freunde geworden. Unsere Art, über Musik zu denken, ist ähnlich, obwohl es ästhetisch grosse Unterschiede gibt. Unsere musikalischen Väter und Grossväter wie Pierre Favre mussten sich damals erst freispielen von den bestehenden Konventionen. Das war umständlich, auch im gesellschaftlichen Sinne. Einerseits hat das Energie gekostet, andererseits entwickelte sich daraus Schubkraft, von der wir heute noch zehren. Heute ist im Jazz alles gleichzeitig gültig. Verschiedene Ansätze und Schulen laufen parallel nebeneinander her. Das führt aber auch zu einer gewissen Haltlosigkeit, man sucht ständig nach neuen Auswegen. Ich finde, dass das Suchen als selbst gewählte Aufgabe aber sehr spannend ist. Wann ist der entscheidende Moment und wie filtert man ihn aus all dem Ausschuss raus, der beim Üben entsteht? Für mich kommt Dogmatismus nämlich überhaupt nicht in Frage. Es funktioniert genau andersrum, man muss beim Musikmachen die innere Zensurbehörde ausschalten: Geht das denn nun oder jenes? Ich finde strategisches Denken müssig; also bestimmte musikalische Ideen aus antrainierten Gründen nicht zu realisieren, ist für mich irgendwie gar nicht möglich. Ich behaupte jetzt nicht, mit meinen dreissig Jahren schon die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Man darf sich aber auch nicht von äusseren Umständen lähmen lassen. Ich bin ein grosser Freund von Tourneen, weil ich dann von allem befreit bin. Zwei Mal war ich in Amerika. Einmal spielte ich zehn Konzerte mit Stephan Wittwer und dann letztes Jahr drei Gigs mit Steamboat Switzerland, in Vancouver/Kanada, Chicago und New York. New York war Scheisse. Wir haben zwar im legendären «Tonic» gespielt, aber unsere Erwartungen waren wohl zu gross. Wir kamen erst nachts um halb eins dran, die Backline war Schrott. Alles ging schief. In Europa ist es dagegen viel entspannter. Für mich sind kleine Auftrittsorte wie Nickelsdorf in Österreich oder Willisau viel wichtiger, als durch die USA zu touren. Hans Falb und Niklaus Troxler sind Menschen, die sich seit Jahren mit Liebe und Engagement, für uns einsetzen. Um unsere Szene am Leben zu erhalten, sind solche Leute unersetzlich. Nur durch Aktivitäten wie Touren oder Gespräche komme ich weiter, entwickle ich überhaupt neue Ideen in Bezug aufs Musikmachen. Deshalb ist das performende Spielen vor Publikum immer essenziell. Ich habe ja Projekte mit Irène Schweizer oder Pierre Favre, andererseits verfolge ich mit Steamboat Switzerland ohne Wenn und Aber das rein energetische Spiel. Für mich war es nun an der Zeit, selber etwas zu machen, weil sich in den letzten Jahren in den verschiedenen Formationen, in denen ich spiele, sehr viel Material angesammelt hatte, das ich dort nicht einbringen konnte. Meine eigene Gruppe zu gründen, war für mich deshalb ein Schritt in die richtige Richtung. Zoom habe ich vor zwei Jahren gegründet, um mich in der Musiklandschaft zu positionieren, in der ich mich bewege. Das ist ein riesiges Feld. Generell ist das freie Spiel in kleinen Formationen wieder ins Zentrum meiner Arbeit gerückt. Beim freien Spiel bewegt man sich meist sehr schnell, entweder steht das Hochenergetische im Mittelpunkt oder diese kaum noch zu messenden Morton-Feldman-artigen, sub-langsamen Tempi. «Spawn of Speed» ist nun die erste Aufnahme, bei der ich für die Kompositionen ganz allein zuständig bin. Darauf ist wenig freies Material zu hören. Die Kompositionen sind jedoch stark von freien Improvisationen beeinflusst. Die New Yorker Downtown-Szene ist einerseits ein wichtiger Einfluss für uns, aber andererseits sind wir geprägt von zeitgenössischer Musik und einer europäischen Auffassung des freien Spiels. Als Vorbereitung auf das Album haben wir die Probeblöcke komplett aufgenommen und nach Merkmalen wie Klangdichte untersucht. Von diesem Ausgangsmaterial aus habe ich dann weiter komponiert. Meine beiden Kollegen haben sich ebenfalls sehr engagiert. Überhaupt ist die Zusammensetzung des Trios wichtig für den Sound: Philipp Schaufelberger spielt Gitarre und Nils Wogram Posaune. Ich hab keinen Bassisten dabei, weil ich selber Double-Bassdrum spiele und mit Posaune und Gitarre bereits zwei Tenor-Instrumente an Bord sind. Auch ohne Bass haben wir einen fetten Sound. Ich spiele nicht auf einem konventionellen Jazzschlagzeug, sondern auf einem grossen Rockkit. Ich benutze ausserdem eine dritte Bassdrum. Meine Drums sind auch präpariert, so dass sie klingen wie gesamplet. Würde ich meine klaren stilistischen Anlehnungen mit einem Bassisten realisieren, wäre es zu offensichtlich. So hat es etwas Transzendiertes. Wenn die Roots durchdringen, klingt es bei uns leichter, aber auch spröder, irgendwie verfremdet. Fernziel ist es, mit Zoom völlig frei zu spielen. Wir haben jedenfalls einen riesigen Materialpool. Das Zeug sitzt. Auf der nun anstehenden Tour sind wir aber nicht mit der Bearbeitung des Materials beschäftigt oder mit unserem eigenen Stil. Wir sind inzwischen so weit eingespielt, dass wir die Sachen einfach abrufen können, aus dem geistigen Gepäcknetz holen. Wir können alles miteinander austauschen, es an- und ausschalten, sozusagen. Das schnelle nervöse Spielen ist durch die Samplingtechnologie noch erweitert worden. Elektronische Musik verfolge ich deshalb mit grossem Interesse. Vor allem die Energieaspekte daran sind mir wichtig. Ich will mich eben nicht festlegen lassen. Das gilt auch für das Zoom-Projekt. Wir haben Solos drauf und Akkordfolgen, aber wenn uns danach ist, programmieren wir am Computer Drum-'n'-Bass-Beats. Solange man Sideman ist, wird man als Musiker mit eigener Identität gar nicht wahrgenommen. Gerade jetzt, wo ich mich mit meiner eigenen Gruppe exponiere, beschäftigt mich meine Identität. Mit anderen Projekten gibt es schon manchmal Momente, in denen ich stöhne: Muss ich das machen, oder wie lange muss ich das jetzt noch machen? Ich unterrichte auch Schlagzeug. Man kommt um die Broterwerbsjobs leider nicht rum. Zudem bin ich zu fünfzig Prozent Hausmann. Ich habe drei Kinder zu versorgen, die machen nicht gerne Klimmzüge am Brotkasten. Es braucht eine unglaublich grosszügige Partnerin, die das alles mitträgt. Manchmal ist die Bewältigung des Alltags ein echter Balanceakt. Dann sieht mich meine Familie sechs Wochen nur von hinten. Ein ständiges Kommen und Gehen. Dann bin ich aber wieder sehr viel zuhause, kümmere mich um die Kinder, komponiere. Das chaotische Leben eines freischaffenden Künstlers ist schon speziell. Aber ich finde es auch spannend. Über meine Probleme vor fünf Jahren, als ich noch keine Kinder hatte, kann ich heute nur schmunzeln. Heute habe ich nicht mehr viel Zeit nachzudenken. Der Titel «Spawn of Speed» ist auch davon geprägt, von diesem neuen Leben.
Protokoll: Julian Weber. WochenZeitung, 20.3.2001

 

Anything goes, oder? - Lucas Niggli und seine neue CD ³Spawn Of Speed²
Er ist ein Tausendsassa an den Trommelfellen, Becken und Gongs, der ständig den Kopf voller Pläne und Ideen hat: Lucas Niggli, einer der meistbeschäftigten Schweizer Musiker und gefragter Perkussionist sowohl im zeitgenössischen als auch im Jazzbereich. Niggli ist bisher durch seine enge Zusammenarbeit mit dem Perkussionisten Pierre Favre (seinem früheren Lehrer) aufgefallen. Daneben spielt er in diversen Bands wie z.B. Steamboat Switzerland ­ ein Orgeltrio, das die Kraft des Rock mit Avantgarde würzt, und gibt Duo-Konzerte mit PianistInnen wie Sylvie Courvoisier oder Jacques Demierre. Seit zwei Jahren hat er ein eigenes Trio namens ZOOM, in dem sein perkussives Arsenal von den Gitarrenklängen des Schweizers Philipp Schaufelberger und denen des deutschen Posaunisten Nils Wogram ergänzt wird; als ³einfach glückliche Fügung² bezeichnet er die Zusammenarbeit mit den beiden. ZOOM spielt originelle und kontrastreiche Musik, die zwar ungeniert, aber nicht beliebig aus einem reichen Fundus von Rock über Avantgarde bis Modern Jazz schöpft. Mehr und mehr ­ und so gesehen ist ZOOM vielleicht ein programmatischer Bandname ­ geht es Lucas Niggli um das Fokussieren: ³Das zeigt sich z.B. in der Reduktion auf akustische Instrumente. Ich bezeichne Philipp, obwohl er E-Gitarre spielt, als akustischen Gitarristen: er verwendet kaum Effektgeräte, seine Ausdrucksvielfalt erzeugt er durch Handwerk.² Auf die Frage, ob das Pendeln zwischen verschiedenen Bands mit verschiedenen stilistischen Ansätzen nicht auch eine gewisse Rastlosigkeit widerspiegle, meint Niggli: ³Es stimmt, dass aus diesem Pendeln nicht nur geistige Frische resultiert, sondern manchmal auch grosse Irritation, weil die Kollaboration mit Pierre Favre und vor allem die sehr intensive Arbeit mit Steamboat Switzerland wirklich ästhetisch weit auseinanderliegen. Ich denke, dass mein Trio ZOOM irgendwo dazwischen liegt. Gerade für mich als jungen Musiker ist es toll, so verschieden zu agieren. Ich habe noch viel Zeit, aus diesem breiten Spektrum meine Stimme herauszuarbeiten; die Zeiten, wo ein Mittzwanziger seinen Sound gefunden hat, sind vorbei ­das ’anything goesŒ hat tiefe Spuren hinterlassen ...² ³Spawn Of Speed², also ³Ausgeburt der Schnelligkeit², haben die drei Musiker ihre CD genannt. Das ist sicherlich mit einem Quentchen Ironie zu lesen ­ was aber nicht bedeutet, dass die Titelgebung an sich nach dem Zufallsprinzip oder nach dem Unterhaltungswert erfolgt. ³Blue & Grey² bezieht sich z.B. auf ein Rothko-Bild in einem Baseler Museum; die Serie ³Poems & Theorems² dagegen fasst Stücke zusammen, die entweder auf ³intellektuellen Wurzeln² wie Zwölftonreihen basieren oder, wie ³Peace², dem Perkussionisten während eines Spaziergangs mit seinen Kindern einfach zugeflogen sind. Der Reiz von ZOOM liegt hauptsächlich in einer wohldosierten Balance zwischen strengen formalen Vorgaben ­ Stücken, die quasi am Reissbrett konstruiert wurden ­ und lustvoll ausgelebter Spontaneität: ³Ich stehe extrem auf komplexe Musik, nicht komplizierte ­ das klingt meistens nicht ­, daneben muss aber auch die spontane Reaktion, das Fabulieren, Improvisieren, jederzeit möglich sein. Das kreiert eine besondere Energie.² Dieses Konzept wendet ZOOM übrigens nicht nur auf der CD, sondern auch bei Live-Auftritten an. Niggli: ³Es wäre mir ein Horror, wenn ZOOM-Konzerte in Routine erstarren! Deshalb arbeiten wir live nach dem Modul-Prinzip.² Apropos Live-Auftritte: Lucas Niggli ist derzeit viel mit dem Avant-Core-Trio Steamboat Switzerland unterwegs und stellte auch im März ³Spawn Of Speed² in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz vor. Ein sympathischer Workaholic, der am Anfang einer hoffentlich lang anhaltenden Karriere steht und sich in Bescheidenheit übt: ³Ich bin einfach überall am Lernen, Lernen, Lernen ...²
Martin Schuster, Concerto, Wien, April 2001

 

Multi-talented Swiss drummer/percussionist Lucas Niggli extends his already vast repertoire with this tightly organized trio featuring trombonist Nils Wogram and guitarist Philipp Schaufelberger. With the opener, ³Oxygene Beats² the listener will be treated to sprightly Caribbean motifs interspersed with rapid fire, jazz-based unison choruses. Throughout, Niggli handles the percussion chores yet exhibits a thoroughly musical approach via his acute multihued tonal shading, propelling rhythms and feisty interaction with his band-mates.
The trio¹s often complex arrangements feature free-jazz type dialogue, rock rhythms, abstract thematic inventions and probing statements. On ³Poems & Theorems I: Brain Ballad², Schaufelberger and Wogram temper the oscillating flow with softly stated lyricism atop Niggli¹s delicate brush work. However, ³Light Night², features a series of expertly executed yet difficult to perform time signatures amid interludes of subtle nuance and highly charged exchanges. Essentially, there¹s a whole lot going on here, as the music seemingly emanates and converges from within diametrically opposed angles in concurrence with the band¹s imaginative excursions. Recommended!

Glenn Astarita, http://wwww.allaboutjazz.com/REVIEWS/r0601_123.htm