INTAKT RECORDS – CD-REVIEWS
Lucas Niggli ZOOM ENSEMBLE
Sweat. Intakt CD 093


 

Der rührige Schweizer Perkussionist/Kompont/Bandleader Lucas Niggli führt seine Formation Big Zoom (minus Peter Herbert, dafür aber plus Vokal-Zampano Phil Minton) mit dem Ensemble Neue Musik Zürich zusammen und entlockt dem nunmehr 11-köpfigen Klangkörper ein faszinierendes Kaleidoskop an Klängen. Es sind ausgedehnte Kompositionen, die Niggli aus perkussiven Mustern entwickelt hat, über die er zunächst sang und die er dann sukzessive zu Suiten verdichtete, welche den Solisten Claudio Puntin (Klarinetten), Philipp Schaufelberger (Gitarre), Nils Wogram (Posaune), Niggli selbst und natürlich Phil Minton grosszügige Freiräume eröffnen, um sich darauf wieder zu dichten Klangkaskaden oder vertrackten Ostinati zu verengen. Minton zieht wie gewohnt alle Register seiner expressiven Stimmkunst (bestes Beispiel: “Fever³), das Ensemble Neue Musik Zürich agiert ganz und gar nicht steif und wird nicht einfach “verwendet³, sondern auf optimale Weise ins Geschehen integriert. Eine sehr spannende CD, die auch nach mehrmaligem Hören noch Überraschungen parat hält. Mit “Sweat³ hat sich Lucas Niggli endgültig in der obersten Liga zeitgenössischer Musik etabliert.
Martin Schuster, Concerto, Österreich, Oktober 2004

 

 


Zuerst gab es das Trio Zoom. Dann kam das Quintett Big Zoom. Nun präsentiert der enorm kreative Schlagzeuger Lucas Niggli das elf-köpfige Zoom Ensemble, das aus Nils Wogram (Posaune), Philipp Schaufelberger (Gitarre), Claudio Puntin (Klarinette), dem britischen Vokal-Guerillero Phil Minton sowie Mitgliedern des Ensembles Neue Musik Zürich besteht. Für diese ungewöhnliche Formation hat sich Niggli ein mehrteiliges Werk ausgedacht. «Sweat» stellt mit seiner blühenden Phantasie und seinem Formenreichtum die meisten ambitionierten Grenzgänger-Projekte der letzten Jazz-Jahre in den Schatten. Nigglis Querfeldein-Musik ist enorm farbig, um nicht zu sagen kunterbunt; mal ist sie bis ins letzte Detail konstruiert, mal lässt sie Raum für rauschhafte Entgrenzung. Abwechslungsweise wird mit grossen Bögen und provokanten Brüchen gearbeitet, die Emotionen wogen auf und ab, wobei das ganze Spektrum zwischen versponnener Poesie und durchgedrehter Hysterie durchlaufen wird. Man merkt dem Werk an, dass es von einem Künstler stammt, der Präzisionsarbeiter und zugleich Sponti ist: Es fordert den Kopf und kitzelt die Eingeweide.
Tom Gsteiger, Basler Zeitung, Sept. 04

 

 

Musik, die ständig nach vorn eilt

Überkandidelte Töne: Der Schlagzeuger Lucas Niggli zeigt auf dem Album «Sweat», dass in ihm ein klangbewusster - und ungeduldiger - Komponist steckt.

Er gestikuliert, holt aus, gibt sich wortreich. Lebhaft und kaum zu bremsen ist Lucas Niggli - zumal, wenn er die eigene Musik erklärt. Und erzählt, wie seine 64-minütige Einspielung «Sweat» mit dem elfköpfigen Zoom Ensemble zu Stande kam. Niggli hat sich schon bis anhin in seinen kleineren Formationen Zoom (drei Musiker) und Big Zoom (fünf Musiker) als ideenreicher Komponist temporeicher, komplexer Stücke offenbart. Dennoch verwundert es, dass die klassischen Instrumentalisten des Ensembles für Neue Musik Zürich ausgerechnet ihn, den Autodidakten, darum baten, eine längere Komposition für sie zu schreiben «Sweat» wurde unter anderem am Zürcher Jazznojazz 2003 aufgeführt, jetzt liegt die Suite auch auf CD vor.
Dass er nicht Komposition studiert hat, sieht Niggli selber als Vorzug. So laufe er nicht Gefahr, in Schematismus und Schablonenhaftigkeit zu verfallen: «Ich gehe unverfroren, frech an die Musik heran», sagt der in Uster wohnhafte Musiker, hebt aber sogleich den Warnfinger: «Das Handwerk muss stimmen.» Wie zur Veranschaulichung blättert er in der knapp 130-seitigen Partitur von «Sweat». Sie ist akribisch ausnotiert; flüchtig wirkt hier gar nichts.
«Ich wollte Musik auch für improvisierende Solisten schreiben und selber mitspielen», erzählt der 36-Jährige. Und damit war das Zoom-Ensemble geboren - mit den Instrumentalisten von Nigglis Zoom-Gruppen: Claudio Puntin, Klarinette; Nils Wogram, Posaune; Philipp Schaufelberger, Gitarre; mit Niggli selbst am Schlagzeug, dem Ensemble für Neue Musik Zürich sowie dem englischen Stimmkünstler Phil Minton.
Musikalische Wundertüte
«Sweat» ist eine Art musikalische Wundertüte, die laufend neue Überraschungen ausspuckt. Niggli schöpft die Möglichkeiten seines Ensembles souverän aus, er versteht es, die Instrumente in ihren jeweiligen Farben und Registern sensibel zu mischen - in «Fluidum» etwa spielen E-Gitarre und Posaune eine tief gesetzte, verhaltene Linie, darüber sind sphärische Sounds des Vibrafons sowie Puntins mit klassischer Tonbildung gespielte, schillernde Klarinettengirlanden gelegt: Das ist schon sehr gelungen.
Das Fesselnde (und vielleicht zugleich Problematische) dieser Platte ist aber das hohe Tempo in der dramatischen Gestaltung. Wir hören eine ambitiöse Kunst- und Hörmusik, die weder tändelt noch verharrt, noch Töne auskostet; Musik, die ständig nach vorne eilt. «Ich habe keinen Stil, aber viele Einflüsse», meint Niggli. «Musikalisch bin ich in den Achtzigern mit der Schnipsel- und Collagetechnik sozialisiert worden.»
Niggli liefert ein Kompendium des Ungewohnten, Frechen, Waghalsigen und manchmal auch Poetischen - eine dichte Musik, bald abstrus-schräg (besonders in Passagen mit Phil Minton), bald zirzensisch-witzig (besonders in Passagen mit Puntin). Die Stücke, etwa der 18-minütige Eröffnungstitel «No Nation», sind in der Regel Konglomerate heterogenster Abschnitte. Man kann den Test machen und in der Platte herumzappen - fast an jeder Stelle stossen wir auf andere klangliche Texturen: Jazzimprovisationen, drauflosdreschenden Hardcore-Rock, Zwölfton-Reihen, Klezmerjazz-Klarinettensoli, Noiselandschaften aus Streicherflageoletts und vieles, vieles mehr. Es herrscht das Prinzip Allerlei.
Und doch: Die Kleinteiligkeit wird nicht auf die Spitze getrieben, musikalische Einfälle können sich auch mal entfalten. Und am Ende glauben wir gar zu hören, dass hinter den vielen Sprachen doch wieder so etwas lauert, ja, wie . . . Stil.
Christoph Merki © Tages-Anzeiger, 29.09.2004

 

Lucas Niggli ist und bleibt einer der rührigsten, interessantesten und flexibelsten Perkussionisten im Land. Mit vorliegender Auftragskomposition «Sweatš erreicht er als Komponist zweierlei: 1. die Kohärenz zwischen improvisierenden und interpretierenden Musikern, und 2. eine Art Mediation zwischen Klassik, Jazz und freier Improvisation. Glück für ihn, dass er Solisten in seinem Ensemble vereint, die wirklich in allen Sätteln gerecht sind. Trotzdem geht es hier offenbar nicht darum, Solisten wie bei einem Jazzprojekt in den Vordergrund zu stellen, denn alles dreht sich um die ganzheitliche Projektion der Komposition. Noch überwiegt Nigglis Talent als Perkussionskünstler, doch werden seine Stücke immer dichter und aussagekräftiger, momentan hängt diesbezüglihc zu viel an den Solisten - das aber wird sich mit der Zeit ändern.
kw. Jazz'n'More, Sept/ Oktober 04

 

 

Fantast und Perfektionist

Schlagzeuger Lucas Niggli jongliert lustvoll mit Klängen und Rhythmen und schreckt dabei nicht vor Stilbrüchen zurück. Das zweitägige Festival «proFILE» widmet dem umtriebigen «Spass-Avantgardisten» einen ganzen Abend.

Stillstand scheint es im Leben von Lucas Niggli nicht zu geben. Der kleine, wirblige Mann, der lieber lacht als Trübsal zu blasen, führt eine Existenz im Vorwärtsgang. Der 36-jährige Schlagzeuger verschwendet seine Energie nicht damit, sich im Kreis zu drehen, viel lieber zieht er immer weitere Kreise. Niggli erweitert nicht nur seinen musikalischen Kosmos Schritt für Schritt: Er ist auch dafür besorgt, dass sich seine Zuhörerschaft kontinuierlich vergrössert; längere Clubtourneen sind für Niggli die Pflicht, Auftritte an wichtigen Festivals die Kür. Letztes Jahr präsentierte er mit «Sweat» sein bisher ambitioniertestes Opus.
Komponiert hat Niggli «Sweat» für das elfköpfige Zoom Ensemble, in dem der britische Vokal-Guerillero Phil Minton und die Improvisatoren Claudio Puntin (Klarinette), Nils Wogram (Posaune) und Philipp Schaufelberger (Gitarre) auf Mitglieder des Ensembles für Neue Musik Zürich stossen. Für diese aussergewöhnliche Formation hat sich Niggli eine packende Querfeldein-Musik ausgedacht, die mit ihrem Farben- und Formenreichtum so gut wie alles in den Schatten stellt, was in letzter Zeit an ähnlich gelagerten Grenzgänger-Projekten vorgestellt worden ist. Man merkt dem Werk an, das es von einem Künstler stammt, der nicht nur Präzisionsarbeiter, sondern auch Sponti ist: es fordert den Kopf und kitzelt die Eingeweide.
Auf überzeugende Weise knüpft Niggli mit seinem Zoom Ensemble an die gleichermassen eigensinnigen und eklektizistischen Konzepte an, die er für sein Trio Zoom und sein Quintett Big Zoom ausgetüftelt hat. Was selten gelingt, gelingt diesen Formationen auf exemplarische Weise: Die symbiotische Verbindung anspruchsvoller kompositorischer Strukturen mit improvisatorischem Einfallsreichtum.
Lucas Nigglis turbulente Musik vibriert im Spannungsfeld zwischen Ordnung und Chaos. Der Toggenburger Schriftsteller Peter Weber assoziiert: «Niggli liebt komplexes Gehölz, baut Treppenmelodien, Leitern und Stiegen, um die höher liegenden Beeren zu pflücken, errichtet ein filigranes Leiterwerk, das in die Baumkronen führt, über die Wipfel.»
Einen wichtigen Stellenwert hat für Niggli auch die Mitarbeit im Avantcore-Trio Steamboat Switzerland, das durch Dominik Blum (Orgel) und Marino Pliakas (E-Bass) komplettiert wird. Die von der Art Brut inspirierte Band erbringt den Beweis, dass Brachialität und Komplexität durchaus unter einen Hut zu bringen sind. Die Dampfschiff-Kapitäne haben eine Affinität für alles, was aus dem Rahmen fällt. So werden sie im Rahmen von Nigglis «proFILE»-Abend in Dornbirn mit dem holländischen Orkest de Volharding zusammenspannen, um David Dramms «My Visions of Madame Blavatsky» zur Aufführung zu bringen. Blavatsky verfasste im 19. Jahrhundert eine mystische Geheimlehre. Die Musik des Amerikaners Dramm wurde auch schon als «bahnbrechendes Terrain zwischen Charles Ives, Jimi Hendrix und Lou Reed» beschrieben.
Tom Gsteiger © St. Galler Tagblatt; 01.10.2004

 

Lucas Niggli Zoom Ensemble. Sweat Der junge Schweizer Drummer wird vorbildlich von seinem Label betreut - so hat er alle Freiheiten, die Musik zu veröffentlichen, die ihm wichtig ist. «Sweat» ist bereits die dritte CD mit seiner Working-Band Zoom, diesmal eingespielt in Kooperation mit dem Ensemble für Neue Musik Zürich. Angelegt als sechsteilige Suite, in der ein Miteinander von Komposition und Improvisation das Geschehen bestimmt, zitiert das Ensemble - ganz im Geiste eines Charles Mingus - Big-Band-Muster, Free Jazz, zeitgenössische Kammermusik sowie gelegentlich traditionellen Rock. Die Basis stammt stets von Niggli, doch der lässt den Musikern (u.a. Claudio Puntin, Nils Wogram, Phil Minton) die Freiheit, aus dem vorgegebenen Rahmen zu steigen, um eigene Ideen einzubringen, die bis zur Gruppenimprovisation reichen können. Damit erlaubt er seinen ohnehin schon sehr farbigen Kompositionen, einen eigenen Weg zu suchen, Statik zu vermeiden, vielmehr immer spontan und neu zu werden. Ein Meisterwerk der Emotionen.
Olaf Maikopf, Jazzthing 56, Nov/Dez. 2004

 

Am 30. Oktober 2003 eröffnete der Ustermer Schlagzeuger, Bandleader und Komponist Lucas Niggli das fünfte Zürcher «Jazznojazz»-Festival in der Gessnerallee mit einem sechsteiligen Werk, das er im Auftrag der Kulturstiftung Pro Helvetia geschrieben hatte. Auf der Bühne standen neben seiner um den Stimmakrobaten Phil Minton erweiterten Band Zoom auch die Mitglieder des Ensembles Neue Musik Zürich. Unmittelbar vor dieser Uraufführung war Niggli im SWR- Studio Baden-Baden gewesen, um sein Opus einzuspielen; diese Aufnahme (und nicht das Zürcher Konzert) liegt nun als CD vor. Sie zeigt den quirligen Musiker einmal mehr als innovativen, zwischen Jazz, Rock und moderner E-Musik mühelos hüpfenden Tonschöpfer, der das Wechselspiel von ausgeschriebenen und improvisierten Passagen souverän beherrscht. Die grosse Linie mag man in diesem postmodernen Puzzle vermissen, und bisweilen kommt die Ambition der Lebhaftigkeit in die Quere. Doch lebt das Werk, in dem etwa der Posaunist Nils Wogram und der Klarinettist Claudio Puntin solieren, einerseits von der Fülle der Einfälle, andererseits von der strukturierenden Kraft des Drummers, der gleichsam Bleifassungen um die bunten Klangscherben legt.
Manfred Papst © NZZ am Sonntag; 10.10.2004

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