INTAKT
RECORDS
CD-REVIEWS
Lucas
Niggli ZOOM ENSEMBLE
Sweat.
Intakt CD 093
|
Der rührige Schweizer
Perkussionist/Kompont/Bandleader Lucas Niggli führt seine Formation
Big Zoom (minus Peter Herbert, dafür aber plus Vokal-Zampano Phil
Minton) mit dem Ensemble Neue Musik Zürich zusammen und entlockt
dem nunmehr 11-köpfigen Klangkörper ein faszinierendes Kaleidoskop
an Klängen. Es sind ausgedehnte Kompositionen, die Niggli aus perkussiven
Mustern entwickelt hat, über die er zunächst sang und die
er dann sukzessive zu Suiten verdichtete, welche den Solisten Claudio
Puntin (Klarinetten), Philipp Schaufelberger (Gitarre), Nils Wogram
(Posaune), Niggli selbst und natürlich Phil Minton grosszügige
Freiräume eröffnen, um sich darauf wieder zu dichten Klangkaskaden
oder vertrackten Ostinati zu verengen. Minton zieht wie gewohnt alle
Register seiner expressiven Stimmkunst (bestes Beispiel: “Fever³), das
Ensemble Neue Musik Zürich agiert ganz und gar nicht steif und
wird nicht einfach “verwendet³, sondern auf optimale Weise ins Geschehen
integriert. Eine sehr spannende CD, die auch nach mehrmaligem Hören
noch Überraschungen parat hält. Mit “Sweat³ hat sich Lucas
Niggli endgültig in der obersten Liga zeitgenössischer Musik
etabliert.
Musik, die ständig
nach vorn eilt Er gestikuliert, holt aus,
gibt sich wortreich. Lebhaft und kaum zu bremsen ist Lucas Niggli -
zumal, wenn er die eigene Musik erklärt. Und erzählt, wie
seine 64-minütige Einspielung «Sweat» mit dem elfköpfigen
Zoom Ensemble zu Stande kam. Niggli hat sich schon bis anhin in seinen
kleineren Formationen Zoom (drei Musiker) und Big Zoom (fünf Musiker)
als ideenreicher Komponist temporeicher, komplexer Stücke offenbart.
Dennoch verwundert es, dass die klassischen Instrumentalisten des Ensembles
für Neue Musik Zürich ausgerechnet ihn, den Autodidakten,
darum baten, eine längere Komposition für sie zu schreiben
«Sweat» wurde unter anderem am Zürcher Jazznojazz 2003
aufgeführt, jetzt liegt die Suite auch auf CD vor.
Lucas Niggli ist und bleibt
einer der rührigsten, interessantesten und flexibelsten Perkussionisten
im Land. Mit vorliegender Auftragskomposition «Sweatš erreicht
er als Komponist zweierlei: 1. die Kohärenz zwischen improvisierenden
und interpretierenden Musikern, und 2. eine Art Mediation zwischen Klassik,
Jazz und freier Improvisation. Glück für ihn, dass er Solisten
in seinem Ensemble vereint, die wirklich in allen Sätteln gerecht
sind. Trotzdem geht es hier offenbar nicht darum, Solisten wie bei einem
Jazzprojekt in den Vordergrund zu stellen, denn alles dreht sich um
die ganzheitliche Projektion der Komposition. Noch überwiegt Nigglis
Talent als Perkussionskünstler, doch werden seine Stücke immer
dichter und aussagekräftiger, momentan hängt diesbezüglihc
zu viel an den Solisten - das aber wird sich mit der Zeit ändern.
Fantast und Perfektionist
Stillstand scheint es im
Leben von Lucas Niggli nicht zu geben. Der kleine, wirblige Mann, der
lieber lacht als Trübsal zu blasen, führt eine Existenz im
Vorwärtsgang. Der 36-jährige Schlagzeuger verschwendet seine
Energie nicht damit, sich im Kreis zu drehen, viel lieber zieht er immer
weitere Kreise. Niggli erweitert nicht nur seinen musikalischen Kosmos
Schritt für Schritt: Er ist auch dafür besorgt, dass sich
seine Zuhörerschaft kontinuierlich vergrössert; längere
Clubtourneen sind für Niggli die Pflicht, Auftritte an wichtigen
Festivals die Kür. Letztes Jahr präsentierte er mit «Sweat»
sein bisher ambitioniertestes Opus.
Lucas Niggli Zoom Ensemble.
Sweat Der junge Schweizer Drummer wird vorbildlich von seinem Label
betreut - so hat er alle Freiheiten, die Musik zu veröffentlichen,
die ihm wichtig ist. «Sweat» ist bereits die dritte CD mit
seiner Working-Band Zoom, diesmal eingespielt in Kooperation mit dem
Ensemble für Neue Musik Zürich. Angelegt als sechsteilige
Suite, in der ein Miteinander von Komposition und Improvisation das
Geschehen bestimmt, zitiert das Ensemble - ganz im Geiste eines Charles
Mingus - Big-Band-Muster, Free Jazz, zeitgenössische Kammermusik
sowie gelegentlich traditionellen Rock. Die Basis stammt stets von Niggli,
doch der lässt den Musikern (u.a. Claudio Puntin, Nils Wogram,
Phil Minton) die Freiheit, aus dem vorgegebenen Rahmen zu steigen, um
eigene Ideen einzubringen, die bis zur Gruppenimprovisation reichen
können. Damit erlaubt er seinen ohnehin schon sehr farbigen Kompositionen,
einen eigenen Weg zu suchen, Statik zu vermeiden, vielmehr immer spontan
und neu zu werden. Ein Meisterwerk der Emotionen.
Am 30. Oktober 2003 eröffnete
der Ustermer Schlagzeuger, Bandleader und Komponist Lucas Niggli das
fünfte Zürcher «Jazznojazz»-Festival in der Gessnerallee
mit einem sechsteiligen Werk, das er im Auftrag der Kulturstiftung Pro
Helvetia geschrieben hatte. Auf der Bühne standen neben seiner
um den Stimmakrobaten Phil Minton erweiterten Band Zoom auch die Mitglieder
des Ensembles Neue Musik Zürich. Unmittelbar vor dieser Uraufführung
war Niggli im SWR- Studio Baden-Baden gewesen, um sein Opus einzuspielen;
diese Aufnahme (und nicht das Zürcher Konzert) liegt nun als CD
vor. Sie zeigt den quirligen Musiker einmal mehr als innovativen, zwischen
Jazz, Rock und moderner E-Musik mühelos hüpfenden Tonschöpfer,
der das Wechselspiel von ausgeschriebenen und improvisierten Passagen
souverän beherrscht. Die grosse Linie mag man in diesem postmodernen
Puzzle vermissen, und bisweilen kommt die Ambition der Lebhaftigkeit
in die Quere. Doch lebt das Werk, in dem etwa der Posaunist Nils Wogram
und der Klarinettist Claudio Puntin solieren, einerseits von der Fülle
der Einfälle, andererseits von der strukturierenden Kraft des Drummers,
der gleichsam Bleifassungen um die bunten Klangscherben legt. |