INTAKT
RECORDS, seit 1986
Die
Geschichte von Intakt Records
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Die erste Intakt-Platte «Irène Schweizer Live at Taktlos»
erscheint 1986 als Selbsthilfe. Es findet sich keine Plattenfirma, welche die
Bänder mit den Aufnahmen um Irène Schweizer vom ersten Taktlos-Festival
veröffentlicht. «Live at Taktlos» wird zu einem kleinen Verkaufserfolg.
Ohne internationales Vertriebsnetz gehen gegen 2000 Exemplare weg.
2
Als Mini-Label, das in den ersten Jahren in Deutschland keinen Vertrieb findet,
erhält Intakt Records 1988 den wichtigsten deutschen Schallplattenpreis,
den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik, für die Platte von Irène
Schweizer mit dem Titel «The Storming of the Winter Palace».
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Ende 1986 bekommt Intakt Records eine juristische Form. Der Verein mit nichtkommerziellem
Zweck hat den Auftrag, zeitgenössische Jazzmusik im Grenzbereich von Improvisation,
Komposition zu dokumentieren. Heute wird die operative Arbeit im Intakt-Büro
vollamtlich von Patrik Landolt geleistet. Die Vorstandsmitglieder Rosmarie A.
Meier und Irène Schweizer stehen beratend zur Seite. Ebenfalls beratend
wirkt ein Kreis von Zürcher MusikerInnen um Lucas Niggli. Für Grafik
und Design ist der Zürcher Typograf Jonas Schoder im Auftragsverhältnis
zuständig. Buchhaltung, IT, Versand- und Werbearbeiten werden von Teilzeitstellen
geleistet: von Gabrielle Favre, Georg Bauer, Maggie Steiner.
4
Am Taktlos 1986 kommt es zur Begegnung des London Jazz Composers Orchestra mit
dem amerikanischen Saxofonisten Anthony Braxton. Braxtons Auftragskomposition
fürs London Jazz Composers Orchestra erscheint als Doppelalbum bei Intakt
Records (Intakt CD 005). Diese Platte positioniert Intakt Records in der internationalen
Jazzwelt. Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Bassisten Barry Guy, dem
Grenzgänger zwischen Barocker Musik und Jazzimprovisation hält bis
heute an.
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Neun Jahre dauert es, bis die fünf Piano-Drums-Duo-CDs von Irène
Schweizer mit den Schlagzeugern Louis Moholo, Günter Sommer, Andrew Cyrille,
Pierre Favre, Han Bennink aufgenommen sind. Die fünf CDs gehören zu
den wichtigsten Aufnahmen von Irène Schweizer.
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Der Formatwechsel von der Platte zur CD bereitet Mühe. Die kleinere CD
schränkt Möglichkeiten origineller visueller Präsentation ein.
Die erste CD erscheint 1990 und ist eine Studioaufnahme von Barry Guys Komposition
«Harmos» mit dem London Jazz Composers Orchestra. «Harmos»
gilt heute als Klassiker der modernen Jazzbigband-Musik. Zwischen Barry Guy
und Intakt Records entwickelt sich eine intensive Zusammenarbeit, getragen von
Freundschaft. 15 CDs von Barry Guy mit dem London Jazz Composers Orchestra oder
dem Barry Guy New Orchestra erscheinen in den folgenden Jahren auf Intakt Records.
7
Pius Knüsel, Direktor von Pro Helvetia, damals Direktor des Zürcher
Jazzclubs Moods, lädt 1993 Intakt Records für eine fünftägige
Labelpräsentation in seinen Club. Intakt Records startet im Rahmen dieser
Moods-Woche die Aktion «Intakt abonnieren». Die regelmässigen
Direktverkäufe an die AbonnentInnen werden für Intakt Records zur
wichtigsten ökonomischen Stütze.
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Wenige Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer beginnt Intakt Records 1994 eine
bis heute dauernde Zusammenarbeit mit den vier grossen Persönlichkeiten
des ostdeutschen Jazz, den Musikern Conrad Bauer, Uli Gumpert, Ernst-Ludwig
Petrowsky und Günter Sommer. Jazz aus Berlin wird zu einem Standbein der
Programmierung von Intakt Records.
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«Jeder CD ihr eigenes Gesicht», lautet das visuelle Motto von Intakt
Records als Gegenposition zu den Vorstellungen von «visuellem Branding»
oder «visueller Corporate Identity». Die Musik jeder CD ist so einzigartig,
dass ihre Singularität auch bei der visuellen Präsentation ausgedrückt
werden soll. Einige hervorragende Grafiker, allesamt ausgewiesene Kenner der
Musik, arbeiten seit vielen Jahren regelmässig für Intakt Records:
Die ersten Platten und CDs gestaltet Ruedi Wyss, Dozent an der Zürcher
Hochschule für Gestaltung und Kunst sowie Veranstalter des Taktlos Bern
und von Ton Art. Viele Jahren prägte der Zürcher Grafiker, Jazzkenner
und passionierte Konzertbesucher Eugen Bisig das Erscheinungsbild. Seit fünf
Jahren bereichert der typografische Gestalter Jonas Schoder, Mitglied der Zürcher
Musikerorganisation OHR, das Intakt-Design. Viele international bekannte KünstlerInnen
steuern Bilder für Intakt-Covers bei. Zu erwähnen ist Pipilotti Rist,
die Covers für zwei CDs von Saadet Türköz liefert. Fischli-Weiss
gestalten die Produktionen von Stephan Wittwer. A. R. Penck präsentiert
die Solo-CD von Günter Sommer. Max Bill und Gottfried Honegger stellen
Arbeiten für CDs von Barry Guy zur Verfügung. Rosina Kuhn macht eine
ganze Reihe Titelbilder für Les Diaboliques und Irène Schweizer.
Weitere Covers stammen von Jörg Lenzlinger/Gerda Steiner, Andrea Alteneder,
Eliane Binggeli, Luigi Archetti, Federica Gärtner, Peter Frey, Niklaus
Troxler, Strawalde u.a.
10
Intakt-CDs sind auch Fotogalerien. Die Kunst der Musikfotografie kennt eine
lange Geschichte. Die Zürcher Fotografin Francesca Pfeffer prägt mit
ihrem Blick die Darstellung vieler MusikerInnen. Aber auch FotografInnen wie
Silvia Luckner, Dany Gignoux, Marcel Meier, Dominik Huber, Caroline Forbes arbeiten
immer wieder für Intakt Records.
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Kann man über Musik schreiben? Die Reflexion über Musik hat hierzulande
wenig Tradition. Kaum eine Zeitung hält sich einen professionellen Musikkritiker.
Aber ohne regelmässige Verortung, ohne kontinuierliches Innehalten und
Nachdenken wird jede Tätigkeit zum Steinerollen des Sisyphus. Intakt Records
versucht seit Beginn, die Musik mit ausführlichen Booklet-Texten zu begleiten.
Diese sollen dazu anzuregen, Musik anders zu hören oder vielleicht auch
besser zu verstehen. In den CD-Booklets finden sich Texte internationaler Grössen
wie Bert Noglik (Leipzig), Gary Giddins (New York, «Village Voice»),
John Corbett (Chicago, «Downbeat»), Marcus Maida («Jazzthetik»)
sowie von den Schweizer JournalistInnen Peter Rüedi, Frank von Niederhäusern,
Nick Liebmann, Meinrad Buholzer, Pirmin Bossart, Raphael Zehnder, Lislot Frei
oder von SchriftstellerInnen wie Peter Weber, Ruth Schweikert, Isolde Schaad,
Reto Hänny, Michael Wüstefeld, Ilma Rakusa. Die Vermittlungsarbeit
von Intakt Records findet auch über den Musikverlag hinaus Gehör.
Patrik Landolt wird vom Jazzfestival Schaffhausen eingeladen, während dreier
Jahre ein Diskussionsforum zu kuratieren. Aus dem Experiment entwickeln sich
die Schaffhauser Jazzgespräche.
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Während eines längeren Aufenthalts von Patrik Landolt auf der wohl
entlegensten Insel Griechenlands (Fourni) klingelt das Telefon. Der Schlagzeuger
Pierre Favre meldet sich. Er sucht einen Verleger für seine neuen Projekte.
Wie Pierre Favre zur Telefonnummer der Inselwohnung kam, bleibt sein Geheimnis.
Pierre Favre ist der Klangfarbenmaler unter den Jazzschlagzeugern, der die Perkussion
in ein klangrhythmisches Universum führt. Acht auf Intakt Records veröffentlichte
CDs zeigen die Kreativität von Pierre Favre’s Schaffen: Von den jazzorientierten
Duo-Platten mit Irène Schweizer bis hin zu seinen komponierten kammermusikalischen
Meisterwerken.
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Der junge Schlagzeuger Lucas Niggli aus Uster (ZH) und die Lausanner Pianistin
Sylvie Courvoisier treffen sich 1999 im Radiostudio DRS für Duo-Aufnahmen.
Aus dieser ersten Begegnung entstehen langjährige Arbeitsbeziehungen sowohl
mit Lucas Niggli als auch mit Sylvie Courvoisier. Lucas Niggli spielt fünf
CDs mit seiner Gruppe Zoom ein und wird einer der wichtigen jungen Musiker bei
Intakt Records. Sylvie Courvoisier lebt heute in New York. Auch Sylvie Courvoisier
ist mit ihren Projekten mit mehrheitlich amerikanischen Musikern eine der wichtige
Persönlichkeit im Intakt Repertoir.
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Am 9. September 2001 fliegt Patrik Landolt nach New York, um mit dem Pianisten
Cecil Taylor einen Vertrag für die Veröffentlichung des Live-Mitschnitts
des hervorragenden Solo-Konzertes vom Jazzfestival Willisau zu unterzeichnen.
Am 10. September findet in Brooklyn das Gespräch mit dem Pianisten und
die Vertragsbereinigung statt. Für den Morgen des 11. Septembers verabredet
sich Patrik Landolt mit dem Gitarristen Elliott Sharp im New Yorker East Village.
Die beiden werden Zeuge der Attacke auf das World Trade Center und des Einsturzes
der Twin Towers.
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Nach mehrjähriger Spielpause findet das wichtigste Jazzorchester Europas,
das Globe Unity Orchestra des Berliner Pianisten Alexander von Schlippenbach,
in Aachen zusammen zu einem Konzert. Der Radiomitschnitt ist so gut, dass Intakt
Records diesen Neuanfang des Orchesters 2003 auf CD dokumentiert. Zwei Jahre
später veröffentlicht Alexander von Schlippenbach zusammen mit Berliner
Musikern die 3er-CD-Box «Monk’s Casino. The Complete Works of Thelonious
Monk». «Monk’s Casino» wird in Jahresfrist zur bestverkauften
CD von Intakt Records. Alexander von Schlippenbach veröffentlichte seit
2003 einige seiner wichtigsten Werke bei Intakt Records. Um Alexander von Schlippenbach
gruppieren sich auch jüngere Berliner Jazzmusiker sowie die in Berlin lebende
Pianistin Aki Takase zu einem Berlin Schwerpunkt von Intakt Records.
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Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia anerkennt 2006 und 2009 die Arbeit
von Intakt Records mit der Verleihung der Labelprämie. Intakt Records nutzt
das Prämiengeld, um Zeit und Energie in die Professionalisierung des Labels
sowie den Ausbau des Vertriebsnetzes zu stecken.
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Die aktive Zürcher Jazzszene findet seit Jahren bei Intakt Recods eine
Heimat. Irène Schweizer engagiert sich Mitte der 90er-Jahre verstärkt
in der MusikerInnen-Organisation OHR, spielt regelmässig mit der Zürcher
Saxofonistin Co Streiff, später mit dem Saxofonisten Omri Ziegle. Beide
Duos veröffentlichen auf Intakt Records eine CD. Intakt Reecords veranstaltet
zusammen mit OHR das Festival Unerhört, um dem Zürcher Jazzschaffen
eine internationale Bühne zu verschaffen. Das Festival Unerhört ist
heute das wichtigste Forum der Zürcher Jazzszene. Zürichs lebendige
Jazzszene wird breit bei Intakt Records dokumentiert: Omri Ziegele Billiger
Bauer, Co Streiff Sextett, Objets trouvés (Friedli, Streiff, Schlegel,
Ulrich), Jürg Wickihalder-Chris Wiesendanger Duo, Pierre Favre, Lucas Niggli,
Michael Jaeger u.a.
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Der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber gibt 2004 bei Intakt
Records eine Doppel-CD über die Jazzstadt Zürich in Auftrag. Zusammen
mit dem Jazzkritiker der Neuen Zürcher Zeitung Nick Liebmann wählt
Patrik Landolt 32 Stücktitel aus. Das Doppelalbum zeigt, wie vielseitig
die Jazzstadt Zürich ist.
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Irène Schweizer spielt am 8. Oktober 2005 im KKL Luzern ein Solo-Konzert.
«Jazz statt Klassik». Die Kooperation von KKL (Elisabeth Dalucas),
Intakt Records, RECK Filmproductions und Radio DRS 2 legt den Boden für
einen Grosserfolg. Mehr als 1500 BesucherInnen kommen ins KKL. Das Publikum
feiert die Pianistin mit stehenden Ovationen. «Die beste Jazzpianistin
Europas im besten Konzertsaal der Welt», schreibt «Die Zeit».
Das Konzert wird von Radio DRS 2 live übertragen. Eine CD mit dem Titel
«Irène Schweizer. First Choice. Concert KKL Luzern» dokumentiert
das Konzert. Vor dem Konzert findet im KKL die Premiere des Filmporträts
«Irène Schweizer» von Gitta Gsell statt.
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Intakt Records situiert sich in der internationalen Jazzszene. Immer mehr internationale
Jazzgrössen bieten Intakt Records eine Zusammenarbeit an. Im Sommer 2009
findet im legendären New Yorker Jazzclub Birdland eine Intakt-CD-Vernissage
einer CD mit vier Grössen des amerikanischen Jazz statt: Oliver Lake, Reggie
Workman, Andrew Cyrille und Geri Allen. Die Berliner Pianistin Aki Takase geht
mit dem französischen Star-Klarinettisten Louis Sclavis ins Studio in spielt
für Intakt Records eine Duo-CD ein. Der Gitarrist Fred Frith, eine der
innovativsten Persönlichkeiten der grenzüberschreitenden Musik zwischen
Jazz, Improvisation und experimenteller Rockmusik, beginnt eine Zusammenarbeit
mit Intakt Records und veröffentlicht neben mehreren experimentellen Projekten
– u. a. zwei CDs mit dem Arte Saxophone Quartett – mit seiner neuen
Band Cosa Brava ein Meisterwerk, das aus dem heutigen Musikkosmos von Songs,
Rock, Folk und Improvisation schöpft.
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Auch Intakt Records bekommt die Krise des Tonträger-Marktes zu spüren.
Zwar hat Intakt Records keinen Verkaufsrückgang zu beklagen. Im Gegenteil:
Dank einer Vergrösserung des Repertoirs sind die CD-Verkäufe immernoch
leicht steigend. Aber die Preise für CDs sind zusammengebrochen. Auch der
harte Schweizer Franken wird für Intakt Records zu einem existentiellen
Problem: 90 Prozent der Verkäufe der Intakt-CDs sind in den USA und in
Europa. 2010 muss Intakt Records wegen des schwachen Euro mit gut 15 Prozent
Einnahmenverlust rechnen. Bis heute konnte es sich Intakt Records nicht leisten,
das längst benötigte Sekretariat zu schaffen. Die Arbeitsüberlastung
ist chronisch und könnte die Existenz von Intakt Records gefährden.
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Im Sommer 2009 bezieht Intakt Records im Zürcher Industriequartier Binz
neue Räumlichkeiten. Es beginnen die Planungsarbeiten für das 25jährige
Jubiläum von Intakt Records. Auch hat Intakt Records von John Zorn das
ehrenreiche Kuratorium für ein zweiwöchiges Festival im Yorker Jazzclub
Stone (März 2012) zugesprochen erhalten, an dem unter dem Motto «Zürich-Berlin-New
York» zahlreiche Intakt MusikerInnen auch aus der Schweiz in der Jazzmetropole
präsentiert werden können.
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Intakt Verleger Patrik Landolt wird im Sommer 2010 vom Dachverband der Schweizer
Kulturschaffenden – von 27 Schweizer Künstlerorganisationen –
mit dem Prix Suisseculture ausgezeichnet.
(Juni 2010)