Julian Sartorius
Wandern Ist Des Drummers Lust
Neugierig und als "Entdecker des Alltäglichen" geht der Schlagzeuger Julian Sartorius, 1981 in Thun geboren, durchs Leben, mit offenen Ohren für neue Klänge und Experimente. Ausgetrampelte Pfade sind seine Sache nicht.
Den eigenen Weg zu gehen, das gilt für ihn offenbar nicht bloss im übertragenen Sinn. "Letzten Sommer", erzählt Julian Sartorius, "bin ich von Bern ins Tessin gewandert, weil ich so gerne zu Fuss unterwegs bin. Ich höre dabei so viele Geräusche, die mich interessieren. Bisher habe ich das immer getrennt, das Wandern und das Musikmachen. Auf der Wanderung zum Blüemlisalpgletscher kam mir dann die Idee, beides miteinander zu verbinden und einen musikalischen Reisebericht entstehen zu lassen."
Im Oktober packte der Berner Schlag- zeuger der auch ganz "herkömmlich" wunderbar spielt, etwa mit dem Bassisten Patrice Moret in Colin Vallons Trio Sticks und Aufnahmegerät in seinen Rucksack, um auf dem Jura-Höhenweg in zehn Tagen von Basel nach Genf zu wandern, rund 270 Kilometer. Wo immer ihn die Inspiration anhielt, packte er die Schlagstöcke und das Recording-Gerät aus, drückte die Aufnahmetaste und spielte mit den beiden Hölzern auf den unterschiedlichsten Dingen, die ihm als Klangquelle dienten: Er erkundete damit den Klang von Baumstämmen, Ästen, Drahtzäunen mit synthetischmetallenen Klängen, abgemähten Maisstau- den, Drehkreuzen und Schildern von Wanderwegen, Wurzeln, Strohhalmen, Brückengelän dern oder eines leeren Silos. Sartorius nahm den Rhythmus einer Kuh auf, die einen Salzstein leckte, begleitete Kuhglocken und Winde, die durch Röhren oder mit einem metallenen Gegenstand pfiffen, flöteten und trompeteten. Vorbeifahrende Autos und Lastwagen, Vogelgezwitscher oder sich balgende Krähen sind zu hören. Zu Hause editierte er das Ganze. Entstanden sind zehn spannende "Hidden Tracks", für jede Etappe einen. 2014 hat Sartorius auf Intakt seine Solo-CD "Zatter" veröffentlicht. Das Tagebuch-Album seiner Jurawanderung erscheint als sein viertes auf dem Berner Label Everest Record, das es seit 1999 gibt und auf dem sich spannende Musikerinnen und Musiker wie Bruno Spoerri, Nadja Stoller, Werner Hasler, Fredy Studer, Hildegard Kleeb oder Margrit Rieben finden. Ver- kauft wird "Hidden Tracks" als Vinyl-Platte und auch als Wanderkarte mit Download- Code.
Der Körper als Fortbewegungsmittel das fasziniert Julian Sartorius, der inzwischen sogar noch SAC-Mitglied geworden ist. Er ist gerne alleine unterwegs. "Du kannst dein Tempo gehen, es kommen dir viele Ideen, siehst manchmal Obskures, kannst anhalten, wann und wo immer du möchtest. Man entdeckt Zwischenräume, die man verpasst, wenn man mit Bahn oder Auto reist."
Julian kommt nicht direkt aus einer Musikerfamilie, doch sein Vater hatte eine riesige Plattensammlung, "mindestens 3'000 CDs, Wahnsinn! Meine Mutter spielte Kirchenorgel und als ich ein Baby war, begann sie mit dem Spinett doch da habe ich angeblich immer zu schreien begonnen. Offenbar war mir der Klang zu grell. Sie ist dann auf Gitarre umgestiegen", erzählt der Schlagzeuger lachend. Er sei zwar schon musikalisch aufgewachsen, aber nicht aussergewöhnlich. Nach der Sekundarwollte er gleich mit der Jazzschule beginnen. Seine Eltern rieten jedoch, vorher noch was anderes zu machen.
" Ich nahm das Kürzeste, eine Verkaufslehre beim Musikgeschäft Krompolz in Bern, das bei den Tonträgern auf klassische Musik spe- zialisiert war. So kam ich auch mit dieser Musik intensiv in Berührung, konnte viele Werke und Interpretationen kennenlernen. Ich durfte, ja musste sogar jeden Morgen Musik hören, hatte in der Berufsschule wöchentlich Musikgeschichte das war im Hinblick auf die Jazzschule super. Und ich lernte, diszipliniert zu arbeiten, eine Voraussetzung auch fürs Üben."
Julian Sartorius studierte in Bern und Luzern bei Fabian Kuratli, Pierre Favre und Norbert Pfammatter, er spielte und spielt nicht nur mit Colin Vallons Trio, seine Bandbreite reicht locker von Sylvie Courvoisier oder Fred Frith bis zu Sophie Hunger, er ist aber auch regelmässig zusammen mit dem Schauspieler Thomas Sarbacher und dem Journalisten und Übersetzer Stefan Zweifel zu hören, der eine liest, der andere tritt mit "freiem Redestrom" auf und Julian improvisiert dazu und dazwischen mit Schlagzeug und zusätzlichem Instrumentarium. Das Experiment, so scheint es ganz, kommt der Neugier entgegen, die Julian Sartorius auch auf seinen Touren zu Fuss begleitet die Lust am Wandern ist auch die Lust am Entdecken.